Sozialisten an der Wall Street
Ein israelischer Kibbuz geht in den USA an die Börse

Das hatten die sozialistischen Pioniere der Kibbuz-Bewegung nicht gewollt: Dass sich ihre Genossenschaftsdörfer an die Börse wenden, um Kapital zu beschaffen. Und dazu noch im kapitalistischen Amerika. Doch seit einigen Tagen ist erstmals ein Unternehmen, das einem Kibbuz gehört, an der New Yorker Nasdaq notiert.

TEL AVIV. Der im Norden Israels angesiedelte Kibbuz Schamir hat in der vergangenen Woche einen Drittel seiner optischen Industrie verkauft. Für die 3,4 Mill. Anteilsscheine mit dem Tickersymbol SHMR nahm er 47,6 Mill. Dollar ein. Als Käufer seien vor allem israelische Finanzhäuser aufgetreten, heißt es. Nach dem erfolgreichen Börsengang wird der Kibbuz Schamir, der an der Tel Aviver Börse bereits zwei Firmen teilprivatisiert hat, eines der reichsten Genossenschaftsdörfer. Und der Kibbuz-Manager durfte sogar zum Abschluss des ersten Handelstages die Glocke läuten.

Mit den alten Kibbuz-Idealen von Gleichheit ist es längst vorbei. Lohndifferenzierung oder Privateigentum gehört für die Hälfte der 257 Kibbuzim zum Alltag. Die meisten Genossenschaftsdörfer haben sich an die wirtschaftlichen Realitäten angepasst. Viele haben den gemeinsamen Esssaal geschlossen, weil sich die Genossen ins Private zurückgezogen haben. Mahlzeiten sind noch subventioniert, aber längst nicht mehr kostenlos.

Wo einst die Namen von neu geborenen Kibbuz-Kindern in Vollversammlungen festgelegt und selbst der Privatbesitz von Teekrügen abgelehnt wurde, weil dies den solidarischen Gemeinschaftssinn brechen könne, wird jetzt die Individualität des Einzelnen gefördert. Gute Leistungen werden mit einem Bonus oder Lohnsteigerungen honoriert. Auch Sozialisten müssen wirtschaftliche Realitäten berücksichtigen. „Je mehr einer zum Endprodukt beiträgt, desto mehr kann er erwarten; und je mehr der Kibbuz erwirtschaftet, desto mehr kann verteilt werden“, umschreibt ein Kibbuznik die neue Maxime. Häuser, die bisher Eigentum aller Genossen waren, dürfen nun als privates Eigentum im Grundbuch eingetragen werden. Und der öde Kibbuzladen, in dem sich die Familien früher einkleiden mussten, stößt auf Widerstand, weil Kibbuz-Kinder coole Kleider aus der Stadt wollen. Was Wunder, dass auch der Gang an die Börse nicht mehr verpönt ist. Bisher hatten sich Kibbuzfirmen aber mit dem Tel Aviver Kapitalmarkt begnügt – Wall Street schien zu ehrgeizig.

Diejenigen Kibbuzim, die den Übergang ins industrielle Zeitalter verschlafen haben, sind heute hoch verschuldet. Einige gingen sogar bankrott. Ältere Genossen sehen sich dann vor dem Nichts, weil nur die wenigsten Kibbuzim für ihre Rentner vorgesorgt haben – das hätte dem Prinzip der gemeinschaftlichen Solidarität widersprochen.

Der kapitalistische Rettungsanker der Genossenschaftsdörfer reflektiert die neuen Prioritäten des Staates. Die israelische Wirtschaftspolitik hat sich von den sozialistischen Idealen der ersten Zionisten abgewandt. Zudem wurden Landwirtschaftssubventionen, von denen die Kibbuzim profitiert hatten, massiv gekürzt.

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