
MadridDie Wirtschaftskrise in Spanien macht nicht einmal vor den Toten Halt. In Saragossa lassen Behörden auf dem städtischen Friedhof Gräber räumen, wenn die Angehörigen der Verstorbenen mit der Zahlung der Mietgebühren in Verzug geraten sind. Die Toten werden dann in Massengräber umgebettet. Für die Lebenden ist die Krise zu einem Bestandteil des Alltagslebens geworden: Die Einnahmen der Privathaushalte sanken in diesem Jahr im Vergleich zu 2010 um 4,4 Prozent; fünf Millionen Spanier sind arbeitslos; in 1,3 Millionen Familien hat kein Mitglied einen Job.
Die Krise wird maßgeblich den Ausgang der Parlamentswahl an diesem Sonntag bestimmen. Alle Umfragen deuten darauf hin, dass die seit 2004 regierenden Sozialisten ein Debakel erleben. Demnach werden die Konservativen nicht nur die absolute Mehrheit der Mandate, sondern einen Rekordsieg erringen. Mariano Rajoy, der konservative Oppositionsführer der vergangenen sieben Jahre, scheint für viele Spanier zur letzten Hoffnung geworden zu sein.
Die Schuldenkrise macht Spanien schwer zu schaffen. Mit riesigen Sparpaketen versucht die viertgrößte Volkswirtschaft der Euro-Zone, die Schuldenlast zu verringern und das Vertrauen der Finanzmärkte wiederzugewinnen. Nun droht ein schwaches Wachstum die Steuereinnahmen zu drücken und die Situation zu verschlimmern. Ein Überblick über die Schwierigkeiten des Landes.
Die Arbeitslosigkeit auf Rekordhöhe ist Dreh- und Angelpunkt der Probleme Spaniens. Mehr als jeder Fünfte hat keinen Job. Im Oktober waren 4,36 Millionen Menschen erwerbslos. In keinem anderen EU-Land ist die Arbeitslosenquote so hoch. Nach Prognose der EU-Kommission wird sie auch im kommenden Jahr über der 20-Prozent-Marke verharren. Manche Experten erwarten sogar einen Anstieg auf mehr als 21 Prozent.
„Die Rekord-Arbeitslosigkeit und der Umbau des Bankensektors dämpfen die mittelfristigen Wachstumsaussichten“, warnt die EU-Kommission. Nach Schätzung der Behörde legt Spaniens Wirtschaft im laufenden wie im kommenden Jahr um 0,7 Prozent zu. Im dritten Quartal stagnierte das Bruttoinlandsprodukt vor allem wegen der schwachen Binnennachfrage. Im Frühjahr hatte es noch ein Wachstum von 0,2 Prozent gegeben.
Nach Angaben der EU-Kommission wird die Schuldenstandsquote von 69,6 Prozent des Bruttoinlandsprodukts in diesem Jahr auf 78 Prozent im übernächsten Jahr steigen.
Der spanische Bankensektor ist angeschlagen. Die regierenden Sozialisten haben bereits eine großflächige Restrukturierung vorgenommen. Schwache Sparkassen mussten fusionieren und ihr Eigenkapital stärken. Das FAES-Institut hält jedoch weitere Reformen und vor allem weitere Konsolidierungen für nötig. Die Probleme der Banken rühren vom Zusammenbruch des Immobilien- und Bausektors 2008, in dem die Häuser traditionell stark engagiert waren. Dadurch wurden die Institute gezwungen, Milliarden für faule Kredite abzuschreiben, wodurch das Eigenkapital und Gewinne belastet wurden.
Spanien hatte in der Schuldenkrise zuletzt nicht mehr in der ersten Linie der Problemländer gestanden, weil die Aufmerksamkeit der Märkte sich auf Italien und Griechenland richtete. Aber nach der Ablösung der Regierungschefs Silvio Berlusconi in Rom und Giorgos Papandreou in Athen geraten auch Spaniens Finanzen wieder verstärkt unter Druck. Am Dienstag erreichte der Risikozuschlag, den der spanische Staat für seine Schulden zahlen muss, eine Rekordhöhe.
Spanien unterscheidet sich von den anderen Volkswirtschaften in Europa durch seine Arbeitslosenquote von fast 22 Prozent. Das ist die mit Abstand höchste in der EU. „Das Erstaunliche daran ist, dass es keine Aufstände gibt“, sagte José Manuel González-Páramo, Direktoriumsmitglied der Europäischen Zentralbank (EZB), der Zeitung „El País“. „Auf die Dauer ist so ein Zustand nicht tragbar.“ Viele Arbeitslosen schlagen sich mit Schwarzarbeit durch, andere bekommen Hilfe von Familienangehörigen.