Spanische Exklaven in Marokko
„Marokko ist die Hure Europas“

Menschenrechtler werfen der EU vor, sich in der Flüchtlingspolitik vor der Dreckarbeit zu drücken.

MELILLA. Adam Tomos brauchte drei Jahre, bis er dort ankam, wo er das Paradies vermutet. Von Gambia aus wanderte der 29 Jahre alte Afrikaner über Mali durch die Wüste von Algerien und versteckte sich dann viele Monate in den Bergen und Wäldern Marokkos. Dann wartete er im Niemandsland vor der spanischen Exklave Melilla auf seine Chance. Vor elf Tagen erwischte er einen guten Moment und kletterte über den Grenzzaun im Süden der zwölf Quadratkilometer großen Stadt.

Der Stacheldraht riss Wunden in Adams Hände und Füße, aber er schaffte es. Andere verletzten sich die Halsschlagader und verbluteten. Oder sie wurden von Marokkos Sicherheitskräften aufgegriffen und am Rande der Sahara ausgesetzt – ohne Wasser und Nahrung. Erst am Wochenende beugte sich die Regierung in Rabat dem internationalen Druck und ließ die Gestrandeten zwischen armer und reicher Welt wieder einsammeln und in Lager bringen.

Mit 1 800 Immigranten sitzt Adam jetzt in einem Übergangslager in Melilla, das auch vom Roten Kreuz betreut wird. Es existiert bereits seit sechs Jahren, ist aber eigentlich nur für rund 500 Menschen gedacht. Trotz der Enge sieht sich Mann aus Gambia in seinem Traum von Europa bestätigt: „Wir haben neue Kleidung bekommen, Essen und können uns waschen.“ Die meiste Zeit des Tages hängt er hinter dem Zaun seines neuen Zuhauses und starrt auf die vielen Fernsehkameras, die in den vergangenen Tagen auf der anderen Seite des Zauns postiert wurden.

Seit Jahrzehnten haben Melilla und die zweite spanische Exklave in Marokko, Ceuta, nicht mehr so viel internationale Aufmerksamkeit bekommen. Doch wenn es nach Spaniens Vizepremier María Teresa Fernández de la Vega geht, dann hat das für ihre Regierung wenig schmeichelhafte Medienspektakel bald ein Ende: Direkt nach ihrem Besuch in Melilla am Donnerstag ließ sie bereits 73 Afrikaner nach Marokko abschieben, am Wochenende folgten weitere: „Das dient auch der Abschreckung derjenigen, die noch vor den Zäunen Melillas stehen und rüberklettern wollen“, sagte die hagere Frau mit dem strengen Blick, die als harte Hand des eher weichen Premiers José Luis Rodríguez Zapatero gilt.

Spaniens konservative Opposition schürt seit längerem Gerüchte, die sozialistische Regierung wolle die seit Jahrhunderten in spanischer Hand befindlichen Städte Melilla und Ceuta klammheimlich an Marokko zurückgeben, um sich so des Flüchtlingsproblems zu entledigen. Zapatero verneint das natürlich und erhörte die Forderung des Präsidenten von Melilla, Juan José Imbroda, nach mehr Geld. Über 50 Millionen Euro soll der konservative Politiker im kommenden Jahr verfügen dürfen – 15 Prozent mehr als 2005.

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