Spar- und Reformpolitik
Tsipras trifft die Wut der Griechen

Streiks und Demos – da machte Alexis Tsipras schon als Mitglied der Jugendorganisation der griechischen Kommunistischen Partei begeistert mit. Doch nun der Rollentausch: Plötzlich richten sich die Proteste gegen ihn.
  • 39

Athen Ein Schiff wird kommen? Der Ohrwurm, den Melina Merkouri als „Mädchen von Piräus“ 1960 in dem Kultfilm „Sonntags nie“ anstimmte, findet kein Gehör mehr. Zumindest nicht bei den griechischen Matrosen. Seit Anfang der Woche streiken sie gegen die drohende Kürzung ihrer Rentenansprüche. Fest vertäut liegen die Fähren an den Piers von Piräus.

Eigentlich sollte der Streik am Mittwochfrüh zu Ende gehen. Aber auch jetzt noch warten die Menschen auf den Inseln vergeblich auf das Schiff vom Festland. Am Dienstagabend beschloss die Gewerkschaft PNO, der Ausstand um weitere 48 Stunden zu verlängern – kein Schiff wird kommen.

Es ist nicht der einzige Ausstand: Gut fünf Wochen nach seiner Wiederwahl spürt der griechische Links-Premier Alexis Tsipras Gegenwind. Die Wut der Menschen auf den Sparkurs der Vorgängerregierungen und der Frust nach sechs Jahren Krise brachten Tsipras Ende Januar an die Macht. Als Oppositionsführer rief er zu Streiks auf, machte bei Kundgebungen mit kämpferisch geballter Faust in der ersten Reihe mit. Jetzt bekommt er selbst den Unmut der Menschen zu spüren. Die Schonzeit ist vorbei.

Eine Welle von Streiks und Protesten rollt durch Griechenland. Nicht nur die Matrosen bleiben an Land. Am Dienstagabend legten die Beschäftigten der Athener U-Bahn, der Straßenbahn und der Stadtbahn die Arbeit nieder. Sie wehren sich gegen die geplante Zusammenlegung der drei Bahngesellschaften, die zum Wegfall von Arbeitsplätzen führen könnte.

Am Dienstagmittag waren bereits die Beschäftigten der beiden größten Athener Krankenhäuser Evangelismos und Attikon in einen Streik getreten. Sie protestieren gegen dramatische Personalengpässe in den Kliniken. Nach Gewerkschaftsangaben sind seit Jahresbeginn rund 17.000 Mitarbeiter aus dem Gesundheitswesen ausgeschieden, weitere 3.000 werden bis zum Jahresende pensioniert. Wegen des Sparzwangs können die freien Stellen nicht neu besetzt werden.

Bereits am Montag hatten hunderte Schüler und Lehrer im Athener Stadtzentrum demonstriert, weil tausende Lehrerstellen nicht besetzt sind. An den Schulen fallen deshalb viele Unterrichtsstunden aus. Auch gibt es zu wenig Bücher und andere Lehrmittel.

Angetreten war Tsipras Anfang des Jahres mit dem Versprechen, die Kreditverträge mit den internationalen Geldgebern zu „zerreißen“ und den Sparkurs zu beenden. Stattdessen musste er im Juli ein neues, noch härteres Anpassungsprogramm unterschreiben, um neue Hilfskredite locker zu machen, ohne die Griechenland bereits pleite wäre. Die Zeche zahlen die Bürger. Ihnen flattern jetzt die Bescheide der unpopulären Immobiliensteuer ins Haus, die Tsipras eigentlich abschaffen wollte.

Stattdessen sollen jetzt viele Immobilienbesitzer noch mehr zahlen. Die Steuer trifft sehr viele Menschen, weil 76 Prozent der Griechen Wohneigentum haben – gegenüber 53 Prozent in Deutschland, 57 Prozent in Österreich und nur 44 Prozent in der Schweiz.

Seite 1:

Tsipras trifft die Wut der Griechen

Seite 2:

Die Geduld mit Tsipras ist erschöpft

Kommentare zu " Spar- und Reformpolitik: Tsipras trifft die Wut der Griechen"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

  • Dann ist ja wohl bald wieder mit Neuwahlen in Griechenland zu rechnen. Die Entscheidung, das chaotische Land mit einem weiteren Hilfspaket zu versorgen, erweist sich bereits jetzt als die Wiederholung eines fatalen Irrtums. Aber so funktioniert offensichtlich Politik. Das Nachsehen haben wie immer die europäischen und dabei insbesondere die deutschen Steuerzahler.

  • jetzt geht's den Schleusern an den Kragen:

    http://www.handelsblatt.com/politik/international/fluechtlinge-in-deutschland-razzia-gegen-schleuser-in-drei-bundeslaendern/12540922.html
    (kann nicht kommentiert werden)

    Die Mutter aller Schleuser sitzt aber weiter unbehelligt im Kanzleramt in Berlin......


    !!!! MERKEL MUSS WEG !!!!

  • Lieber Herr Kirsch, bitte zitieren Sie zukünftig korrekt bzw. lesen Sie genau. Ich hatte von zum Teil zur Arroganz tendierenden Westbürgern gesprochen, nicht pauschalierend (so wie Sie). Damit haben Sie mich durch Ihre Antwort auch bestätigt in meiner These. Danke nochmals!

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%