Sparpolitik
Musterschüler Irland

Irland will den Euro-Rettungsschirm ESM verlassen. Berlin und Brüssel loben den Sparwillen. Langsam kommen die Dinge auf der Insel wieder in Fahrt. Aber es ist zu früh für ein positives Abschlusszeugnis für die Iren.
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DublinFast genau an dem Tag, an dem Irlands Finanzminister Michael Noonan seinen abschließenden Sparhaushalt vorstellte, um dann den Euro-Rettungsschirm der Troika feierlich und erleichtert zuzuklappen, kam Dublins teuerstes Haus wieder auf den Markt. Mag der Preis von zwölf Millionen Euro den Iren laut „Irish Times“ das „Wasser in die Augen“ treiben, er ist ein Zeichen der Hoffnung. Langsam kommen die Dinge wieder in Fahrt. Dubliner kennen das Haus, 1, Sorrento Terrace. Auf den ersten Blick ist es ein großes viktorianische Reihenhaus, auf den zweiten ein geräumiger Palast mit Gästehaus und Meerblick nach allen Seiten. Bei seinem letzten Marktauftritt 2007 sollte es 30 Millionen Euro kosten.

Irland hat eine der eindrucksvollsten Immobilienblasen der Nachkriegszeit und in der Folge eine Bankenkrise hinter sich, die das Land wirtschaftlich fast verwüstete. Nun sprießen sogar im Immobiliensektor wieder zarte Pflänzchen. Sogar der Bausektor, seit dem Crash von 25 Prozent der Wirtschaftsaktivität auf sechs Prozent geschrumpft, verzeichnet wieder ein zaghaftes Wachstum. Ministerpräsident Enda Kenny begleitete den Sparhaushalt und die geplante Rückkehr Irlands an die Anleihemärkte mit süßen Worten: Die Ära der Sparsamkeit, behauptete er, „nähert sich dem Ende“.

Irland wurde mit einer Rosskur ohnegleichen zum „Musterknaben“ der Sparpolitik  und zum Ausstellungsstück für das vor allem in Berlin gemachte Euro-Krisenmanagement. „Griechenland hat ein Rollenmodell und es heißt Irland”, sagte der damalige EZB-Chef Jean-Claude Trichet 2010, als Irlands Lauf durch die Sparwüste gerade erst richtig begonnen hatte.

Nun, wo Irland scheinbar erfolgreich von der Zucht des Rettungsschirms Abschied nehmen und sich wieder auf die eigenen Kräfte und das Vertrauen der Anleihenmärkte verlassen will, gilt das Land erst recht als Beweis, dass der von Brüssel und Berlin verordnete Sparkurs zukunftsfähig ist.

Stolz sind die Iren auf diese Musterrolle aber nicht. Sie kommentierten sie vielmehr gerne mit bittersüßem, sarkastischem Witz. Wie die Fußballfans, die während der Europameisterschaft 2012 eine irische Fahne aufrollten, auf der stand: „Angela Merkel denkt, wir sind bei der Arbeit“.

In sechs Jahren Sparkurs, seit 2010 unter Aufsicht von Troika und Rettungsschirm, wurden in Irland nicht nur die Immobilienpreise abgespeckt. Auch die Löhne sanken, das Wachstum und das Bruttoinlandsprodukt (um 17 Prozent seit 2008), die Beamtengehälter, die Renten und das Kindergeld. 17 Prozent der berühmten irischen Pubs machten dicht, als neueste Sparmaßnahme sollen 83 Kreisgemeinden ihre Unabhängigkeit verlieren.

Kommentare zu " Sparpolitik: Musterschüler Irland"

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  • Die Iren haben einen sehr soliden Charakter. Das man von vielen Bürgern in den Südländern nicht behaupten kann.

    Es kommt eben auf die Lebensphilosophie an, ob eine Wirtschaftskrise überwunden werden kann oder nicht. Bei den Griechen sehe ich persönlich schwarz. In Griechenland müsste die gesamte Regierung sowie der mafiaähnliche Familienfilz in allen Bereichen entlassen werden. Nur so kann sich die griechische Bevölkerung neu orientieren. Anders kriegen wir das in Griechenland nicht hin.

    Oder wir marschieren in Griechenland ein, verhaften diese Verbrecher und besetzen alle Ämter durch Persönlichkeiten mit Fleiß, Disziplin und Ordnung.

  • Wow, ein echter Fachmann hat sich hier aber zu Wort gemeldet.

    Hihi, ich sagte, dass es vielen Elementen sich entspricht, dass es das Selbe sein soll, ist wohl ihr Wunschdenken. Wissen Sie denn auch um die Besonderheiten der dt. Grammatik?

  • Beitrag von der Redaktion gelöscht. Bitte bleiben Sie sachlich.

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