SPD-Nachwuchs
Jung, schwul und bayrischer Landrat

Der neue jüngste Landrat Deutschlands ist schwul, evangelisch und bei der SPD. Bemerkenswert ist das deshalb, weil Michael Adam ausgerechnet im tiefschwarzen Niederbayern die Wahl gewonnen hat.
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MünchenAls Michael Adam im Jahr 2008 mit gerade mal 23 Jahren Bürgermeister im niederbayerischen Bodenmais wurde, ging nicht nur durch die Sozialdemokratie ein Raunen: Jung, schwul, Protestant und bei der SPD – bei dieser Kombination sei ein Wahlerfolg im tiefschwarzen Niederbayern doch eigentlich gar nicht möglich, hieß es bei den Genossen.

Nun ist dem jüngsten hauptamtlichen Bürgermeister Deutschlands der nächste Coup gelungen: Bei der Stichwahl wurde er am Sonntag zum Landrat im Landkreis Regen gewählt. Damit ist der inzwischen 26-Jährige nicht nur Deutschlands jüngster Landrat, er hat sich damit auch für höhere Ämter in Bayern oder gar im Bund empfohlen.

Seit 51 Jahren wurde der an der Grenze zu Tschechien gelegene und vom Bayerischen Wald geprägte Landkreis Regen von CSU-Männern regiert. Dass es zu vorgezogenen Neuwahlen kam, liegt an einem privaten Drama mit politischer Brisanz: Der seit 1994 amtierende Landrat Heinz Wölfl fuhr im August mit dem Auto absichtlich vor einen Baum und starb. Der überaus beliebte Politiker hatte durch seine Spielsucht hohe Schulden aufgetürmt. Und die Staatsanwaltschaft ermittelt nach entsprechenden Hinweisen, ob sich der Politiker womöglich schmieren ließ. Ein Ergebnis steht aber noch aus.

Adam verzichtete im Wahlkampf darauf, den Skandal um den Landrat zu thematisieren. Er wollte aus eigener Stärke heraus wahrgenommen werden. Dies ging schon beim ersten Wahlgang mit fünf Bewerbern auf. Da lag er bereits mit einem deutlichen Vorsprung vor CSU-Konkurrent Helmut Plenkt. Im Duell konnte Adam Plenkt nun deutlich hinter sich lassen, der Sozialdemokrat erreichte nach Auszählung aller Stimmbezirke 57,1 Prozent der Stimmen.

Wenn ein SPD-Mann im CSU-Stammland gewinnt, ist das ein großer Erfolg. Adam münzt dies selbstbewusst auf sich und nicht etwa darauf, dass die SPD in Bayern seit der Bereitschaft von Münchens Oberbürgermeister Christian Ude zur Spitzenkandidatur bei der Landtagswahl 2013 Rückenwind verspürt. „Das ist eine Persönlichkeitswahl“, sagte er vor der Abstimmung.

Der am 9. Dezember 1984 geborene Sohn eines Schweißers und einer Zahnarzthelferin musste beim Wechsel in die Berufspolitik den Sprung ins kalte Wasser wagen. Sein Wahlsieg bei der Bürgermeisterwahl kam 2008 völlig überraschend, eigentlich wollte Adam sein Studium in Politik und Volkswirtschaft vor einer politischen Laufbahn beenden. Doch obwohl er kurz vor dem Abschluss stand, ließ er das Studium ruhen. „Solange man solchen politischen Ämtern nachgeht, ist ein Studienabschluss nicht möglich“, sagt er.

Sein Lebensgefährte müsse ohnehin schon damit leben, dass er viel Zeit für die Politik aufwende. Adam ist außer Bürgermeister auch Chef des SPD-Bezirks Niederbayern.

Dass er homosexuell ist, spiele in der Bevölkerung keine Rolle. Seine tiefkatholische Heimatregion sei, anders als manche Klischees besagen, eine aufgeschlossene Gegend, versichert er.

Schon 2009 kandidierte Adam für den Bundestag, allerdings nur auf einem aussichtslosen Listenplatz. Nun wolle er zunächst mal Landrat werden – und könne sich dann vorstellen, dies Amt über Jahre auszufüllen.

afp 
AFP news agency (Agence France-Presse) / Nachrichtenagentur

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  • Oliver41, ich respektiere ihre Meinung, ich persönlich lehne sogenannte Regenbogen-Familien ab. Auch halte ich die Änderungen per Gesetz für nicht ganz durchdacht.
    Ich könnte ihnen meine Meinung noch weiter erklären, lasse es bei diesen Sätzen. Eine bitte an Sie, überdenken Sie ihren Artikel.
    Danke

  • Die Zeiten haben sich gottseidank in den letzten Jahrzehnten sehr positiv zugunsten homosexueller Menschen in Deutschland entwickelt und das ist gut so.

    Selbst im ländlichen Bayern sind die Wirkungen der Medien über Zeitungen, Zeitschriften und Fernsehen positiv, was homosexuelle Menschen in unserem Lande angeht. Ich kenne mehrere homosexuelle Paare, die auf dem Lande leben, und sich dort wohl fühlen und längst keine Aussenseiter mehr sind, sondern dort sich ihr Umfeld mit heterosexuellen Freunden, Nachbarn und Familien geschaffen haben und das ist erfreulich.

    Wenn man homosexuelle Menschen in Deutschland im Jahre 2011 fragt, was denn heute noch an Diskriminierung vorhanden ist, so sind die Forderungen längst nicht mehr so groß, wie dies vor Jahrzehnten der Fall ist: vieles wurde in den vergangenen Jahrzehnten gesetzlich umgesetzt. Es bleiben aber noch einige wenige Forderungen über, die immer noch nicht vom Gesetzgeber zufriedenstellend erfüllt wurden:

    1. Gleichstellung in der Einkommenssteuer für verpartnerte Paare
    2. Eheöffnung wie in anderen Ländern (Spanien, Portugal, Schweden, Dänemark, Island, Norwegen, Niederlande, Belgien, Südafrika, Argentinien und Kanada); wobei dies eher "nur noch" eine symbolische Verbesserung darstellt, da bereits über das Lebenspartnerschaftsgesetz weitgehend alle Rechte und Pflichten erreicht wurden.
    3. Öffnung des Adoptionsrechtes
    4. Aufhebung des Leihmutterschaftsverbotes

    Die homosexuelle Paarbeziehung in Deutschland ist mittlerweile gesetzlich und gesellschaftlich anerkannt; es ist vor allem aber die Entstehung von Regenbogenfamilien, die seitens des Staats gesetzlich behindert wird. Immer wird in Deutschland bemängelt, das es zu wenige Kinder geben würde und hier wäre eine gute Möglichkeit, aber der deutsche Gesetzgebeer läßt dies nicht zu. Schade...

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