Spekulationen über die Urheber der Bombenserie
Briten fürchten weitere Anschläge

In Großbritannien geht derweil die Angst vor neuen Anschlägen um. Am Samstagabend waren Teile des Stadtzentrums von Birmingham evakuiert worden. Ein Vergnügungsviertel war abgeriegelt und die Menschen aufgefordert worden, nach Hause zu gehen. Der britische Innenminister Charles Clarke hatte zum Wochenende vor weiteren Anschlägen gewarnt.

cr/mth/mzi LONDON. Eine Terrorgruppe, die sich für die Anschläge auf Pendlerzüge in Madrid im März 2004 verantwortlich erklärt hatte, hat sich am Wochenende auch zu der Bombenserie in London bekannt. Den Anschlägen waren am Donnerstag mehr als 50 Menschen zum Opfer gefallen, über 700 wurden verletzt. Im Internet reklamierte die Europa-Sektion der Abu Hafs el Masri Brigaden die Verantwortung für die Anschläge. Am Donnerstag war bereits ein Bekennerschreiben einer anderen Gruppe aufgetaucht. In Großbritannien geht derweil die Angst vor neuen Anschlägen um. Am Samstagabend waren Teile des Stadtzentrums von Birmingham evakuiert worden. Ein Vergnügungsviertel war abgeriegelt und die Menschen aufgefordert worden, nach Hause zu gehen. Der britische Innenminister Charles Clarke hatte zum Wochenende vor weiteren Anschlägen gewarnt. „Wir müssen das Risiko ernst nehmen. Deswegen setzen wir alles daran, die Täter zu finden“, sagte er der BBC. Das Bekennerschreiben der bislang unbekannten Organisation „Geheimgruppe für den El-Kaida-Dschihad in Europa“, das am Donnerstag aufgetaucht war, werde sehr ernst genommen. Britische Ermittlungsbehörden teilten auch gestern keine konkreten Einzelheiten über mögliche Spuren zu den Tätern mit. Zwei Theorien werden geprüft: Entweder es handelte sich um eine ausländische Terrorzelle, die in den letzten sechs Monaten illegal einreiste, oder der Anschlag wurde von einer neuen Generation in Großbritannien rekrutierter und ausgebildeter Täter verübt. In beiden Fällen dürfte es sich um bisher nicht auffällige Personen mit „sauberer“ Vergangenheit handeln, die aber von einem erfahrenen „Talisman“ angeleitet und mit technischer Expertise versorgt wurden. Seit bekannt ist, dass die drei Sprengsätze in den U-Bahnen fast sekundengenau koordiniert waren, denken die Fahnder verstärkt an den Koordinator der Madrider Zuganschläge, Mustafa Setmariam Naser, einen 45-jährigen, der unter anderem die spanische Staatsbürgerschaft hat. Als weiterer möglicher Drahtzieher wird der im Mai in Pakistan verhaftete Zeeshan Hyder Siddiqui genannt – einer von zahlreichen in Großbritannien geborenen Muslime, die in El-Kaida-Lagern in Afghanistan ausgebildet wurden. Ein wegen der Anschläge in London gesuchter Marokkaner hat am Sonntag ein Fernsehinterview gegeben und seine Unschuld beteuert. „Ich bin nicht untergetaucht, und ich bin kein Terrorist“, sagte Mohamed el Guerbouzi dem arabischen Sender El Dschasira.

El Kaida soll an britischen Universitäten aktiv sein

Die Extremisten-Organisation El Kaida rekrutiert der „Sunday Times“ zufolge Muslime auch an britischen Hochschulen. Besonders sei El Kaida an Studenten mit technologischen und Computer-Kenntnissen interessiert, berichtet die Zeitung unter Berufung auf Dokumente aus dem Innen- und dem Außenministerium in London. Als Hauptursache dafür, dass junge britische Muslime sich dem Terrorismus zuwendeten, werde der Krieg im Irak ausgemacht. „Es scheint, dass eine besonders starke Ursache für die Desillusionierung unter Muslime eine wahrgenommene Doppelmoral in der Außenpolitik westlicher Regierungen ist, insbesondere der Großbritanniens und der USA.“

Es habe in London stets ein Klima für den Heiligen Krieg gegeben, sagt Richard W. Bulliet, Nah- und Mittelost-Experte an der Columbia Universität in New York. Allerdings habe er den Eindruck gehabt, dass die radikalen Muslime dort vor allem das Ziel gehabt hätten, außerhalb von Großbritannien Aktionen zu planen. „Das Ziel sollten dabei jene muslimischen Staaten sein, die als Verräter an der islamischen Sache galten, wie etwa Saudi-Arabien“, sagte Bulliet. Die Strömung um Osama bin Laden nehmen dagegen die so genannten Verräterregime ins Visier. Deutsche Terrorexperten gehen davon aus, dass die Anschläge nicht autonom von muslimischen Extremisten in London ausgeübt wurden. Es sei wahrscheinlich, dass eine Koordination mit Kräften außerhalb Großbritanniens stattgefunden habe. Trotz des Anschlags äußerte sich Bulliet skeptisch über die Fähigkeiten von El Kaida. „Sie wollen den Eindruck vermitteln, dass wir mit den Anschlägen nur die Spitze des Eisbergs sehen würden, unter dem sich tatsächlich noch viel größere Wirkungsmöglichkeiten befänden“, sagte Bulliet. Doch in Wahrheit sei unter dieser Spitze nichts mehr.

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