Spekulationen über neue Konjunkturspritzen
USA: Wie lange reicht die Nothilfe?

Es war ein politischer Kraftakt nötig, damit der US-Kongress das 700 Mrd. Dollar schwere Rettungspaket im zweiten Anlauf verabschieden konnte. Doch die bange Frage blieb auch nach der Billigung des Gesetzes unbeantwortet: Wird die Nothilfe ihren Zweck erfüllen? Und: Kommen noch weitere Belastungen auf die USA zu?

WASHINGTON/FRANKFURT. Die ersten Marktreaktionen am Freitag waren wenig euphorisch. Zum Wochenbeginn wird deshalb genauestens darauf geachtet werden, wie sich vor allem die Zinsen auf dem Kreditmarkt entwickeln. Sollte eine nachhaltige Entspannung ausbleiben, dann ist mit dem Ruf nach weiteren staatlichen Stützen zu rechnen.

Der frühere Arbeitsminister unter Präsident Bill Clinton, Robert Reich, prophezeite gestern in einem Kommentar für den "San Francisco Chronicle", dass auf die Rettung des Kapitalmarktes nun die Rettung der Volkswirtschaft folgen müsse. Diese treibe geradewegs auf eine Rezession zu. Doch da die Reallöhne beinahe so niedrig seien wie in den 70er-Jahren, fehle es den Bürgern an Kaufkraft, um für Wachstum zu sorgen.

Untermauert wurde Reichs Ausblick von den aktuellen Arbeitsmarktzahlen. Mit 159 000 abgebauten Jobs im September erreichte die Dynamik beim Stellenabbau einen Fünf-Jahres-Rekord. Reich, heute Professor in Berkeley, schlägt als Gegenmittel ein zweites staatliches Stimulierungspaket vor. Den Bürgern solle Geld gegeben werden, damit die Wirtschaft angekurbelt wird. Genau das allerdings wurde bereits im Frühsommer unternommen, als eine Konjunkturspritze von 168 Mrd. Dollar in Form von Schecks unters Volk gebracht wurde. Der Effekt der Maßnahme ist inzwischen bereits wieder verpufft.

Auch der Internationale Währungsfonds (IWF) macht der US-Wirtschaft wenig Hoffnung. Sie weise alle Merkmale auf, um in eine langwierige, tiefe Rezession abzugleiten. In einem Beitrag in dem gerade vorgelegten World Economic Outlook untersuchten IWF-Experten entlang einer historischen Zeitschiene Phasen finanzieller Anspannungen. Ergebnis: Zwar führten diese nur in der Hälfte der Fälle zu Abschwüngen oder Rezessionen. Allerdings waren diese dann besonders ausgeprägt, wenn ihnen Probleme im Bankensektor vorausgingen. Die Folge waren drei bis vier Mal so tiefe Einbrüche in der Produktion und die Bewältigung der Krisen dauerte zwei bis vier Mal so lange. Die Krise war immer dann besonders gravierend, wenn im Vorfeld die Häuserpreise und die Kredite stark gestiegen seien, heißt es in dem IWF-Papier. Verschärft werde die Lage, wenn die privaten Haushalte zu hoch verschuldet sind und zu wenig gespart werde - Faktoren, die gerade auf die USA zutreffen.

Nach der Verabschiedung des Rettungsplans hatte die Sprecherin des Repräsentantenhauses, Nancy Pelosi, die Abgeordneten ebenfalls darauf eingestimmt, dass mit diesem Gesetz das Problem nicht gelöst sei. Tatsächlich sei das Hilfspaket "nur der Beginn" der Rettungaktion, sagte sie. Was genau noch zu tun ist, hängt auch davon ab, wie gut der Paulson-Plan funktioniert. Dies einzuschätzen, ist beinahe unmöglich, da nach wie vor unbekannt ist, wie Schlüsselelemente des Plans umgesetzt werden sollen - allen voran die Bewertung der toxischen Aktiva in den Bankbilanzen.

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