Spitzenpolitiker der EU machen Attac-Aktivisten die Führungsrolle streitig
Das neue Gesicht der Globalisierungsgegner

Über alles kann man in Brüssel reden. Der Krümmungsgrad von Bananen, der Mindestpreis für Zuckerrüben, Zusatzstoffe in Zigaretten – in der Hauptstadt der EU ist nichts heilig. Nur ein Thema war bisher tabu: die Globalisierung.

BRÜSSEL. Europa profitiere von der weltweiten Liberalisierung, lautete jahrelang die Standardantwort aus Brüssel. Probleme: keine. Nachfragen: unerwünscht. „Das war wie ein religiöser Aberglaube“, ärgert sich noch heute der grüne Europaabgeordnete Daniel Cohn-Bendit. „Es gab nur zwei Schulen: Die einen glaubten an den Staat, die anderen an Liberalisierung und Globalisierung.“Die EU-Kommission stand wie selbstverständlich auf Seiten der „Theologen der Globalisierung“, wie Cohn-Bendit sie nennt.

Doch seit ein paar Wochen ist plötzlich alles anders. „Der Kapitalismus hat auch ein hässliches Gesicht“, räumt EU-Industriekommissar Günter Verheugen neuerdings ein. „Wir müssen etwas gegen die negativen Folgen der Globalisierung tun“, gibt sich Kommissionspräsident José Manuel Barroso nachdenklich.

Selbst der britische Premierminister Tony Blair, bisher eher für liberale Ansichten bekannt, beugt sich dem Zeitgeist: Er machte die Globalisierung kurzerhand zum Top-Thema beim informellen Gipfel in Hampton Court Ende Oktober. Gemeinsam mit Barroso setzt Blair sich für einen milliardenschweren Fonds ein, der die Opfer von Unternehmensverlagerungen entschädigen soll.

Was ist passiert? Fast könnte man meinen, der „Terror der Ökonomie“, den die Roman-Schriftstellerin Viviane Forrester 1996 in einem umstrittenen Bestseller anprangerte, bereite auch den 25 Staats- und Regierungschefs schlaflose Nächte. Fast sieht es so aus, als zeigten die Proteste von Gewerkschaften und Globalisierungsgegnern gegen das „neoliberale Europa“ Wirkung.

Dabei müssen die EU-Granden eigentlich nichts fürchten. „Unsere Bewegung stagniert, wir ziehen nur noch Studenten und Intellektuelle an“, räumt Jean-Marie Coen von der globalisierungskritischen Bewegung Attac ein. Coens Gruppe hat an diesem Abend in das Brüsseler Kulturzentrum „Botanique“ geladen. Zwei Filme über die „Altermondialistes“, wie sich die Kritiker selbst nennen, sollen zur Diskussion anregen. Doch es sind nur wenige Zuschauer gekommen. Statt über die Globalisierung wird über die Krise in Venezuela debattiert. „Im Moment passiert einfach nichts Spektakuläres“, bedauert der 34-Jährige. „Unser letzter Erfolg war die Demo gegen die EU-Dienstleistungsrichtlinie im März.“

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