Spitzentreffen
G8 versuchen Neuanlauf in L'Aquila

Noch sind die Entwürfe der Gipfelerklärungen geheim, doch eine magische Zahl ist bereits durchgesickert, bevor sich die Staats- und Regierungschefs der führenden acht Industrienationen der Welt (G8) am heutigen Mittwoch im italienischen Bergstädtchen L'Aquila versammeln.

BERLIN. Um 80 bis 90 Prozent sollen die Industriestaaten bis 2050 den Ausstoß schädlicher Klimagase verringern. Noch steht diese gewaltige Zahl in den Entwurfspapieren in eckigen Klammern, noch verhandeln die Chefvorbereiter der Regierungen - die sogenannten Sherpas - über zahlreiche Details. Doch die politische Absicht hinter dieser enormen Verpflichtung ist klar: Die Industrieländer sollen mit ehrgeizigen Zielen vorangehen und ein Signal für mehr Klimaschutz geben.

Bislang war stets von einem Minderungsziel von 50 Prozent verglichen mit 1990 die Rede gewesen. Durch den neuen, ehrgeizigen Versuch sollen vor allem die noch zögernden Schwellenländer Brasilien, Russland, Indien und China unter Druck gesetzt werden, ihre bisher widerstrebende Haltung zu überdenken. Für sie ist in den Entwürfen der Gipfelpapiere eine Reduktionsverpflichtung von 15 bis 30 Prozent vorgesehen. Bundeskanzlerin Angela Merkel strebt "beim Klimaschutz eine Position der G8 mit Leadership an", heißt es in Regierungskreisen. Merkel will nach eigenen Worten von Italien aus ein "kraftvolles Signal" für die Ende des Jahres anstehende Weltklimakonferenz in Kopenhagen aussenden. Dort wird über ein Nachfolgeabkommen für das Kyoto-Protokoll von 1997 verhandelt.

Die Kanzlerin macht sich bei diesem wichtigsten Punkt des G8-Gipfels die jüngste Wende der USA in Sachen Klimaschutz zunutze. Zwar sind die Ziele von Präsident Barack Obama verglichen mit denen der EU noch recht bescheiden. Das vom US-Repräsentantenhaus kürzlich verabschiedete Gesetz sieht erst bis 2050 deutliche CO2-Minderungen vor. Allerdings wird erstmals überhaupt ein Kontrollsystem für Emissionen festgeschrieben.

Ob in dem von ständigen Erdbeben heimgesuchten Abruzzenstädtchen L'Aquila allerdings eine Einigung der großen acht gelingt, sei ungewiss, warnte gestern Wirtschaftsstaatssekretär Bernd Pfaffenbach, der deutsche Beauftragte der Kanzlerin für die G8-Gipfel. Noch haben Pfaffenbach und die Sherpas der anderen Staaten in ihren wochenlangen Vorgesprächen nicht einmal eine Verpflichtung für das sogenannte "Zwei-Grad-Ziel" unter Dach und Fach bringen können. Danach soll verhindert werden, dass das Weltklima bis 2050 um mehr als zwei Grad Celsius ansteigt.

Wie sehr die Zeit drängt, zeigt der neueste Bericht des Weltklimarats. Danach schreiten die CO2-Konzentration in der Luft und die Erwärmung der Weltmeere weitaus rascher voran als bislang angenommen. Selbst wenn die sieben größten Industriestaaten und Russland ihre Emissionen ab sofort auf null stellen würden, könnte das Ziel nicht mehr erreicht werden, warnen die Wissenschaftler. Ohne eine deutliche Mitwirkung der großen Schwellenländer werde es keinen Fortschritt geben. Da aber auch Kanada und Japan wegen der hohen heimischen Kohleverstromung auf der Bremse stehen, ist eher mit einem Formelkompromiss der G8 als mit einer klaren Einigung zu rechnen.

Auf die wirtschaftlichen Chancen des Klimaschutzes weisen Umweltschützer im Vorfeld des G8-Gipfels hin: Ein konsequenter Kurswechsel hin zu den erneuerbaren Energien könnte allein in den führenden Industriestaaten bis 2020 etwa 460 000 zusätzliche Jobs schaffen, heißt es im Entwurf einer Greenpeace-Studie. Ihre Autoren stützen sich auf Daten der Internationalen Energieagentur (IEA), gehen aber von größeren Fortschritten bei der Steigerung der Energieeffizienz aus und unterstellen ein stärkeres Wachstum der erneuerbaren Energien, als es die IEA tut.

Laut Greenpeace könnten in den G8-Staaten die CO2-Emissionen des Energiesektors bis 2030 im Vergleich zu heutigen Werten um 50 Prozent gesenkt werden. Dabei wird unterstellt, dass Kohlekraftwerke und auch Kernkraftwerke schrittweise abgeschaltet werden. Den Anteil der erneuerbaren Energien an der Stromversorgung sieht Greenpeace 2020 bei 32 Prozent, 2030 bereits bei 50 Prozent. Dann sehen die Greenpeace-Leute die Zahl der zusätzlichen Jobs sogar bei 650 000.

Daniel Goffart
Daniel Goffart
Handelsblatt / Ressortleiter
Klaus Stratmann berichtet als Korrespondent aus Berlin.
Klaus Stratmann
Handelsblatt / Korrespondent
Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%