Sprengstoff-Laster rast in Menschenmenge
Attentäter tötet in Bagdad viele Kinder

Immer neue, schwere Anschläge stellen den US-Plan in Frage, mehr Sicherheitsaufgaben an lokale Kräfte abzugeben. Gestern riss ein Selbstmordattentäter in Bagdad mindestens 25 Menschen in den Tod, die meisten von ihnen irakische Kinder. Unter den Toten ist auch ein US-Soldat. Die Kinder hatten sich um mehrere US-Soldaten geschart, die Schokolade und Süßigkeiten verteilten.

bac/HB WASHINGTON/BAGDAD. Die USA haben nicht mehr genügend Reserven, um ihre Truppenpräsenz im Irak im nächsten Jahr auf dem gegenwärtigen Stand zu halten. Daher arbeitet das Pentagon an Plänen, 2006 einen Teil der gegenwärtig knapp 140 000 Soldaten abzuziehen. „Wir haben unsere Kapazitätsgrenze erreicht“, sagte ein hochrangiger Beamter im US-Verteidigungsministerium dem Handelsblatt.

Der Selbstmordattentäter hatte eine Bombe in seinen Laster deponiert, sagte ein US-Militärsprecher. „Das Fahrzeug, mit Sprengstoff bestückt, fuhr zu einem US-Militärgeländewagen, bevor es explodierte.“ Ein Kameramann berichtete vom Anschlagsort, das Fahrzeug sei zwischen Häusern in die Luft gegangen und habe drei Häuser fast vollständig zerstört. Auf der Straße waren Blutlachen zu sehen. Bei einer weiteren Explosion in einer sunnitischen Moschee im Norden des Landes waren am Dienstagabend zwei Menschen ums Leben gekommen, 16 wurden verletzt. Die Polizei schließt nicht aus, dass in der Moschee ein Selbstmordattentat vorbereitet werden sollte und der Sprengstoff vorzeitig explodierte.

Trotz der anhaltenden Gewalt wird ein Teilrückzug der US-Truppen aus dem Irak im kommenden Jahr immer wahrscheinlicher. Den Amerikanern macht vor allem zu schaffen, dass die Rekrutierung neuer Soldaten bei der Armee um rund 25 Prozent zurückgegangen ist. Es werde immer schwerer, junge Offiziere zu finden und solche, die sich langfristig verpflichten, hieß es aus dem Pentagon.

Darüber hinaus kann das US-Militär im kommenden Jahr nicht mehr wie gewohnt auf das Personalpolster von Reserve und Nationalgarde zurückgreifen. Für beide Gruppen gilt eine maximale Einsatzzeit von 24 Monaten. Da viele Reservisten und Nationalgardisten im kommenden Jahr diese Grenze erreichen, stehen sie für eine weitere Entsendung in den Irak nicht mehr zur Verfügung. Sie stellen derzeit rund 35 Prozent aller amerikanischen Kräfte in dem Golfstaat. Bereits jetzt ist die Zahl der aktiven Mitglieder von Reserve und Nationalgarde von 220 000 unmittelbar nach der Irak-Invasion auf 138 000 geschrumpft.

Vor allem in der Nationalgarde wird der Engpass immer deutlicher: Hier handelt es sich um normale Berufstätige, die sich gegenüber ihren Bundesstaaten zu Katastropheneinsätzen verpflichtet haben. Im Notfall können sie allerdings auch zum Kriegsdienst herangezogen werden. „Spätestens im Herbst 2006 sind unsere Möglichkeiten ausgeschöpft, die Nationalgarde als eine der tragenden Truppenteile zu verwenden“, warnt der ehemalige General Barry McCaffrey. „Wir haben den Boden erreicht.“

Das Pentagon räumt allerdings ein, dass anti-amerikanische Stimmungen im Irak ebenfalls eine Rolle bei den Rückzugsüberlegungen spielen. So gebe es in der Bevölkerung eine „stillschweigende Unterstützung“ für Ressentiments gegen Amerika, sagte der Kommandeur der US-geführten Koalitionstruppen im Irak, John Vines. Er deutete an, dass im Laufe des kommenden Jahres 20 000 bis 25 000 US-Soldaten aus dem Irak abziehen könnten.

„Bei den Amerikanern setzt sich die Erkenntnis durch, dass die Besatzung eher ein Teil des Problems als ein Teil der Lösung ist“, betont Gebhard Schweigler vom National War College in Washington, einer Elite-Universität für künftige Generäle. Präsident George W. Bush hat je-doch bislang einen Zeitplan für ei-nen Abzug abgelehnt. „Wir bleiben, bis der Job erledigt ist“, lautet seine Standardformel. Das Weiße Haus nennt als Kriterien für einen Rückzug die Ausbildung der irakischen Sicherheitskräfte, die zunehmende Legitimität der Regierung sowie eine Eindämmung der Aufstände.

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