Srebrenica-Massaker
Die Anklägerin unter Anklage

Im Prozess um das Srebrenica-Massaker, bei dem vor elf Jahren im ehemaligen Jugoslawien rund 7 000 Menschen muslimischen Glaubens ermordet wurden, stand am Montag das Eröffnungsplädoyer an. Die Anklage im dem Verfahren vertritt die Schweizer Anwältin Carla del Ponte. Ihre Arbeit steht in der Kritik. Eine Handelsblatt-Reportage.

DEN HAAG. Carla del Ponte kocht vor Wut. Ihre Arme hat sie über der schwarzen Robe vor der Brust verschränkt. Ihre Augen funkeln, und ihre Blicke schicken giftige Pfeile zur Richterbank. Die Chefanklägerin des Uno-Kriegsverbrechertribunals für das ehemalige Jugoslawien (ITCY) musste gerade eine bittere Niederlage einstecken – und das in ihrem eigenen Gerichtssaal.

Zum Auftakt des Srebrenica-Prozesses Mitte Juli wollte die resolute Anwältin aus der Schweiz eine richtungsweisende Rede halten. Nur drei Tage nach dem elften Jahrestag des Massakers von Srebrenica wollte sie beweisen, dass das Gericht seit dem Tod von Slobodan Milosevic nichts an Einfluss und Macht verloren hat.

Mit Bedacht erhob sie sich aus ihrem blauen Sessel und setzte an: „Ich war gerade in Srebrenica und habe mit Tausenden Frauen an der Gedenkstätte getrauert“ – weiter kam sie nicht. Die Verteidigung und der Vorsitzende Richter schnitten ihr das Wort ab: Das Eröffnungsplädoyer sei für den heutigen Tag, den 21. August, geplant. Ihre Ausführungen seien also fehl am Platz. Nach weniger als fünf Minuten musste sich del Ponte wieder setzen – wie ein ungehorsames Schulmädchen.

Dabei hatte sie ungeduldig auf diesen Moment gewartet. Der Srebrenica-Prozess ist einer der wichtigsten des Tribunals, das 1993 wie vom Uno-Sicherheitsrat beschlossen seine Arbeit in Den Haag aufnahm. Heute beginnt der Prozess gegen die sechs Generäle, die für das Massaker in der Uno-Schutzzone im Juli 1995 mitverantwortlich sein sollen: Vujadin Popovic, Ljubisa Beara, Drago Nikolic, Ljubomir Borovcanin, Radivoje Miletic, Milan Gvero und Vinko Pandurevic müssen sich wegen Völkermordes verantworten. Sie haben Befehle gegeben oder ausgeführt, die in Srebrenica zu der grausamen Ermordung von rund 7 000 Muslimen und zur Deportation von 23 000 Mädchen und Frauen führten.

Das alles wollte del Ponte schon vor einem Monat deutlich machen – nicht nur, um an die Gräueltaten zu erinnern, sondern auch, um der Öffentlichkeit zu zeigen, dass sie immer noch fähig ist, die Kriegsverbrecher zu fassen und zu bestrafen. Erst heute bekommt sie Gelegenheit dazu. Dabei hätte del Ponte eine öffentlichkeitswirksame Rede gut getan nach den vergangenen, für sie äußerst harten Monaten.

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