Staat baut Breitbandnetz selbst aus
Australien investiert Milliarden in schnelles Internet

Australien stemmt sich gegen die Wirtschaftskrise und investiert gleichzeitig in Zukunftstechnologien. Die Regierung will große Teile des Landes an ein neues Breitbandnetz anschließen und umgerechnet 22,8 Mrd. Euro in das Projekt stecken. Dies kündigte der links-liberale Premier Kevin Rudd an.

CANBERRA. 90 Prozent der 21 Millionen Australier sollen künftig mit einer 100-Megabit-Leitung versorgt werden. Derzeit verfügen laut OECD nur 23,5 Prozent über eine schnelle Internetverbindung. Von dem Programm werden in erster Linie die Bewohner der dicht besiedelten Ostküste profitieren. In den abgelegeneren Gebieten des Landes werde eine Verbindung von zwölf Megabit pro Sekunde möglich sein, sagte Rudd: „Es ist Zeit, Nägel mit Köpfen zu machen.“ Er sehe das Projekt als einen Weg, um in Zeiten der Krise die schrumpfende Konjunktur zu stützen. Bis zu 200 000 Arbeitsplätze würden profitieren.

Für den Aufbau des Breitbandnetzes will die Regierung eine eigene Gesellschaft gründen. Denn keines der Privatunternehmen, die sich für den Auftrag beworben haben, habe die von Canberra geforderten Bedingungen erfüllt. In den kommenden acht Jahren würden bis zu 43 Mrd. Australische Dollar in das Vorhaben investiert, kündigte der Regierungschef an. 49 Prozent des Geldes sollen von privaten Investoren kommen, 51 Prozent steuert der Staat bei. „Ohne Hilfe des Steuerzahlers kann diese Technologie nicht implementiert werden“, sagte Rudd. Die Arbeiten sollen schon im Juni beginnen; nach dem Netzaufbau soll die Staatsgesellschaft schrittweise verkauft werden.

Auch in Europa hat der Ausbau der Telekommunikationsinfrastruktur als Beitrag zu Überwindung der konjunkturellen Krise einen hohen Stellenwert. Die Bundesregierung etwa hat mit ihrem zweiten Konjunkturprogramm das Ziel verbunden, das schnelle Internet möglichst rasch deutschlandweit verfügbar zu machen. Bis Ende 2010 sollen bislang nicht versorgte Gebiete über leistungsfähige Breitbandanschlüsse verfügen. In einem zweiten Schritt soll der Ausbau des superschnellen VDSL-Netzes forciert werden. Spätestens 2014 sollen für 75 Prozent der Haushalte, bis 2018 für alle Haushalte Anschlüsse mit Übertragungsraten ab 50 Megabit zur Verfügung stehen. Allerdings verlässt sich die Bundesregierung dabei auf die Initiative der Branche. Sie will den Unternehmen Investitionen durch eine wachstumsorientierte Regulierung schmackhaft machen.

Der Alleingang der australischen Regierung beim Netzausbau kam völlig unerwartet. Unabhängige Beobachter zeigten sich überrascht, beurteilten das Programm aber positiv. „Es ist fantastisch“, lobte der Telekommunikationsexperte Paul Budde. Wie viele Kritiker beklagte auch Budde seit Jahren die im internationalen Vergleich langsame Internetgeschwindigkeit in Australien. Unternehmen klagen, eine solche Situation sei in Zeiten, wo Geschäfte rund um die Uhr grenzüberschreitend über das Internet abgeschlossen werden, schlicht nicht mehr tolerierbar. Die frühere konservative Regierung unter Premierminister John Howard hatte es laut Kritikern versäumt, die Bedeutung des Internets für Handel und Wirtschaft zu erkennen.

Die großen Verlierer der Entscheidung sind die gescheiterten Privatunternehmen: die Terria-Gruppe, angeführt von Singapore Telecommunications, die kanadische Axia Net Media Corp. sowie Acacia Australia, ein Konsortium australischer Geschäftsleute. Hingegen schnellte nach der Ankündigung der Kurs von Telstra in die Höhe. Der bisher den Markt dominierende und bis in die 90er-Jahre staatliche Telekommunikationsgigant war vor ein paar Monaten vom Bieterprozess ausgeschlossen worden, weil er nicht mit allen Vorgaben Canberras einverstanden war. Analysten zufolge besteht jetzt eine Chance, dass Telstra von der Regierung als zukünftiger privater Projektpartner akzeptiert wird.

Mitarbeit: Klaus Stratmann, Berlin

Urs Wälterlin
Urs Wälterlin
Handelsblatt / Korrespondent
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