Staatliche Kontrolle
Investoren spüren verstärkten Gegenwind

Boliviens Entscheidung, seine Erdgas- und Erdölindustrie zu verstaatlichen, alarmiert ausländische Investoren. Denn der Schritt ist kein Einzelfall: Auch andere Länder der Region denken verstärkt darüber nach, bestimmte Branchen dem Staat zu unterstellen.

SÃO PAULO. Mit der Verstaatlichung der Erdgas- und Erdölindustrie in Bolivien geraten die ausländischen Konzerne in Südamerika in die Defensive. Zwar haben auch Venezuela und Argentinien oder sogar das liberale Chile die hohen Rohstoffpreise genutzt, um von den Förderkonzernen höhere Abgaben und Steuern einzuziehen. In Venezuela und Argentinien erhöhten die Regierungen über staatliche Konzerne die Kontrolle so weit, dass dieser Prozess einer schleichenden Verstaatlichung entspricht. Dennoch schien bisher bei den Verhandlungen der unausgesprochene Konsens zu gelten, dass sich südamerikanische Staatskonzerne untereinander solidarisch verhalten – sozusagen als ein verlängerter Arm der Außenpolitik ihrer Staaten.

Doch nun hat Präsident Morales mit der Kontrolle der Gasförderfelder durch die Militärs und die staatliche Energieagentur YPFB vor allem der brasilianischen Petrobras überraschend einen empfindlichen Schlag verpasst: Denn der brasilianische Energiekonzern hat in Bolivien alleine in die Erschließung und Förderung über die letzten zehn Jahre rund 1,5 Milliarden US-Dollar investiert. Auch eine Pipeline nach Brasilien – Kosten zwei Milliarden Dollar – finanzierte Petrobras alleine. „Bolivien besitzt bis heute nicht das Personal, um Gas zu fördern“, sagt Nestor Cerveró, Internationaler Direktor für Petrobras. Erst nachdem das Gas entdeckt und gefördert wurde – das Explorationsrisiko also gesunken war –, beteiligten sich andere ausländische Konzerne. Allen voran Repsol YPF, British Gas und Total. „Wir werden alle juristischen Schritte unternehmen, um unser Recht zu bekommen“, drohte Petrobras-Präsident José Sergio Gabrielli, der die Entscheidung der bolivianischen Regierung als „einseitig“ und „unfreundlich“ einschätzte.

Die ausländischen Konzerne müssen jetzt über neue Förderlizenzen, Fördermengen und Exporte verhandeln. „Auch der Vertrieb soll verstaatlicht werden“, wundert sich Paulo Leme von Goldman Sachs, „die Konzerne werden damit zu reinen Dienstleistern degradiert.“ Können sich die Konzerne nicht mit der Regierung einigen, dann müssen sie das Land verlassen – so wie das vor kurzem Total und der italienischen Eni in Venezuela ergangen ist. Von einer Entschädigung war bisher weder in Venezuela noch in Bolivien die Rede. Das arme Bolivien besitzt zudem keine Devisenvorräte, mit denen es die Konzerne entschädigen könnte.

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