Staatspleite
Lettland: Musterland ist abgebrannt

Lettland war arm, kam in die EU, war ein leuchtendes Beispiel für rasant wachsende Wirtschaft. Nun will das Land mit drastischem Sparkurs den Staatsbankrott verhindern.

ZENTENE. Gedankenverloren dreht sich Gunnars um. Besuch in seiner Schule? Egal, keine Zeit, Katastrophen zu erklären. Im Netz warten ein paar Kumpels darauf, dass er schreibt. Schnell ist er bei Draugiem.lv, dem beliebtesten sozialen Netzwerk in Lettland. Seine Welt, hier kennt er sich noch aus. Von der Welt draußen kann er das nicht unbedingt sagen.

Seine Lehrerin auch nicht. Dzintra Grosa hat tiefe schwarze Ränder unter den Augen. Sie kann seit Wochen nicht mehr richtig schlafen. "Ich bin Lehrerin, ich habe nichts anderes gelernt", sagt sie mit einer Stimme, aus der Resignation, Verzweiflung und Ratlosigkeit klingen. Die Regierung wird sämtliche Schulen des Landes schließen, die weniger als 100 Schülern haben. Schulen wie die kleine Dorfschule von Zentene, 700 Einwohner, rund 80 Kilometer von der lettischen Hauptstadt Riga entfernt. Wo Dzintra Grosa, 43 Jahre alt, Lehrerin ist und wohin keine große Straße führt, sondern ein Schotterweg durch hügelige Wälder, vorbei an Seen und Blockhäusern, vorbei an Lebensmittelläden, die scheinbar immer aufhaben.

Ein spätklassizistisches Schloss, renovierungsbedürftig, aber doch eine schöne Umgebung für ihre 24 Schüler. Jetzt soll Schluss sein, weil Lettland kein Geld mehr hat und der Staatsbankrott droht. Lettland, einst eines der ärmsten Länder, hatte eine atemberaubende Entwicklung genommen. Jetzt ist Krise, und die Zeit der irren Wachstumsraten ist passé. Lettland muss sparen.

"Viel sparen", sagt Premierminister Valdis Dombrovskis, ein Mann mit auffallend kleinen Augen. Müde wirkt auch er, von vielen Sitzungen, die bis tief in die Nacht dauern. Er musste seine Kabinettskollegen davon überzeugen, dass in ihrer Lage nur noch radikale Einschnitte helfen. Das hat er. Er ist neu im Amt, er saß in den vergangenen fünf Jahren als Abgeordneter im Europaparlament. Und weil er früher schon mal Finanzminister war, glauben die Menschen, er wisse, wovon er spricht. Sie nehmen ihm ab, wenn er sagt, jetzt gehe es nicht um Parteipolitik, sondern um die Zukunft. Seit seinem Amtsantritt im März tritt er jede Woche in einer Radiosendung auf, um seine Bürger auf das vorzubereiten, was kommt: Kürzungen von umgerechnet 750 Millionen Euro.

Fast 200 Firmenpleiten jeden Tag, Arbeitslosigkeit auf fast 17 Prozent geschnellt, Wirtschaft um 18 Prozent im ersten Quartal geschrumpft. Der Internationale Währungsfonds, kurz IWF, musste das Land im Januar mit einen Notkredit über 7,5 Milliarden Euro retten. Anfang des Jahres gab es eine erste Überweisung. Die für März versprochenen 200 Millionen allerdings hielten die Washingtoner zurück. Lettland sparte ihnen nicht genug, um den Haushalt rasch in Ordnung zu bringen. Dombrovskis warnte seine Kabinettskollegen und die Opposition vor einem Staatsbankrott. Bis Sommer müsse alles beschlossen sein. Heute stimmt das Parlament ab. Es gibt keine Tabus.

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