Staatsverschuldung
Griechenlands Kassenwart geht auf Krisentournee

Mit missionarischem Eifer wirbt der Finanzminister um Vertrauen und versucht, die eurpäischen Kollegen davon zu überzeugen, dass Griechenland nicht vor dem Staatsbankrott steht. Am heutigen Dienstag führt die Tournee durch Europa nach Deutschland zu Wolfgang Schäuble.
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ATHEN. Wenn Giorgos Papakonstantinou über den ernsten Zustand der griechischen Staatsfinanzen spricht, lässt er manchmal ein Komboloi durch seine Finger gleiten. Viele Griechen haben solche Perlenkettchen. Sie sollen die Nerven beruhigen. Manche nennen sie „Sorgenperlen“, anderen gelten sie als Glücksbringer. Glück und gute Nerven kann der Finanzminister brauchen.

Heute bricht der Athener Kassenwart zu einer Blitztour auf, die ihn nach Berlin zu seinem deutschen Amtskollegen Wolfgang Schäuble sowie nach Paris, London und Frankfurt führen wird – eine Krisentournee zu den europäischen Haupt- und Finanzstädten

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Viele Kollegen kennt er, weil er im Oktober, gerade im Amt, zum Finanzministerrat nach Luxemburg reiste. Er musste seinen Kollegen als Erstes beichten, dass die Defzitquote Griechenlands in diesem Jahr 12,7 Prozent betragen wird und nicht, wie zuvor angenommen, sechs Prozent. Nicht nur seine Amtskollegen sind verunsichert, sondern auch die Anleger. Sie haben die Kurse der griechischen Staatsanleihen auf Talfahrt geschickt.

Papakonstantinou weiß, wie ernst die Lage ist. Er ist vom Fach. Der 48-Jährige studierte in New York und London Ökonomie, promovierte an der London School of Economics und arbeitete bei der OECD in Paris, bevor er 1998 Berater der griechischen Regierung wurde.

Dass Papakonstantinou perfekt Englisch und Französisch spricht, hilft ihm in diesen Tagen, wenn er mit EU-Kollegen, Bankern und Journalisten diskutiert. Mit missionarischem Eifer wirbt er um Vertrauen und versucht, sie davon zu überzeugen, dass sein Land nicht vor dem Staatsbankrott steht.

Und er muss seinen Regierungschef Giorgos Papandreou überzeugen, dass tiefe Einschnitte nötig sind. Am Wochenende erhielt er bereits auf seinem Blackberry Anfragen von Reportern, ob es stimme, dass er sich mit Papandreou überworfen habe und vor dem Rücktritt stehe. „Unsinn“, simste der Minister zurück. Er weiß, dass die EU-Partner und die Finanzinstitutionen nachhaltige Konsolidierungsschritte erwarten. Sonst könnten die Kurse der Staatsanleihen noch tiefer abstürzen und die Ratingagenturen dem Land das nächste Downgrading verordnen. Für die griechischen Banken würde es teurer, sich liquide Mittel zu verschaffen.

Und im Januar muss Papakonstantinou der EU-Kommission ein Stabilitätsprogramm für die nächsten drei Jahre vorlegen. Es gibt also viel zu tun. Seine niederländische Frau Jacoline und die beiden Söhne werden während der Feiertage wohl nicht viel von ihm sehen.

Gerd Höhler
Gerd Höhler
Handelsblatt / Korrespondent Südosteuropa

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