Staatsverschuldung in Portugal
Lotto gegen die Krise

Die Mehrwertsteuer in Portugal ist hoch. Also lassen viele Portugiesen schon mal eine Rechnung unter den Tisch fallen. Nun greift das Land zu allen Mitteln, um die Bürger in brave Steuerzahler zu verwandeln.
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Madrid„Brauchen Sie eine Rechnung?” Diese Frage hört man oft in Portugal. Beim Friseur etwa, oder im Kiosk, oder wenn man einen Handwerker bestellt hat. Der finanzielle Unterschied zwischen Rechnung (plus Steuer) und Nicht-Rechnung (natürlich ohne Steuer) ist nicht unerheblich, denn die Mehrwertsteuer wurde im Zuge der Krise auf 23 Prozent erhöht.

Portugals hartnäckiges Haushaltsdefizit hat seine Ursache, wie in den meisten südeuropäischen Krisenländer, vor allem in zu niedrigen Einnahmen. Das wiederum liegt vor allem daran, dass die Steuerhinterziehung zum Alltag gehört.

Vor allem kleinere Geschäfte buchen einen großen Teil ihrer Einnahmen ohne Rechnung ab – und zahlen dafür entsprechend keine Mehrwertsteuer und später auch keine Körperschaftssteuer. Die Parallelwirtschaft hat in Portugal Schätzungen zufolge ein Gewicht von mehr als 25 Prozent des BIP.

Die konservative Regierung in Lissabon, die vor zweieinhalb Jahren inmitten der schwersten Krise antrat und seitdem unter der Ägide der Troika ein hartes Programm zur Haushaltskonsolidierung und Steigerung der Wettbewerbsfähigkeit durchführt, beweist seit neuestem einigen Erfindungsreichtum, um seine Bürger in brave Steuerzahler zu verwandeln.

Neben ständigen Kürzungen, vor allem bei den Zuwendungen für Staatsangestellte, sucht sie nun nach etwas weniger schmerzhaften und unpopulären Möglichkeiten, um den Haushalt zu sanieren. „Die Glücksrechnung“ heißt ein Projekt, dass ab April beginnen wird. Ein entsprechendes Gesetz wurde gerade verabschiedet. Einmal pro Woche wird eine Art Lotterie veranstaltet. Der Clou dabei: Mitmachen kann, wer eine Rechnung einreicht.

Eingereicht werden kann jeglicher Kassenbon, selbst Wasser-, Gas- oder Stromrechnungen. Hauptsache es steht eine Steuernummer darauf. Denn gibt jemand seine Steuernummer bei der Zahlung an, so wandert die Information automatisch direkt vom Laden zum Fiskus. Ein entsprechendes IT-System mussten alle Firmen obligatorisch einführen. Somit ist es im Nachhinein für das Unternehmen nicht möglich, die Rechnung nicht anzugeben.

Das System ist auch deshalb schlau, weil die Portugiesen das Lotteriespiel lieben und auch recht erfolgreich dabei sind. Die meisten Gewinner der Euro-Millionen-Lotterie kommen aus Portugal. Und nun wird also achtmal im Jahr eine eingereichte Rechnung als Sieger gezogen. Unter anderem zu Weihnachten gibt es zusätzliche Auslosungen.

Der Besitzer der wöchentlich ermittelten „Glücksrechnung“ erhält ein hochwertiges Auto als Prämie. Später könnten es auch andere Gewinne sein, aber niemals Geld. Welche Automarke verlost wird, steht noch nicht fest. Vielleicht hat Volkswagen eine gute Chance. In seinem Werk „Autoeuropa“ bei Lissabon baut VW den Scirocco, den Eos, den Sharan und den Alhambra zusammen und ist der größte Exporteur des Landes.

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„Wachstumsstar der Euro-Zone“

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