„Stadt ohne Flecken“
Gedenktafel für sudetendeutsche Opfer in Tschechien

60 Jahre nach einem Nachkriegsmassaker an Deutschen hat die nordböhmische Stadt Usti nad Labem (Aussig) im Beisein von Vertriebenen erstmals offiziell den Tod der mindestens 80 Menschen bedauert. An der Benes- Brücke über die Elbe enthüllte Oberbürgermeister Petr Gandalovic am Sonntagabend eine Gedenktafel, mit der man „die Hand zur Versöhnung reichen“ wolle.

HB PRAG. In Usti/Aussig, wo bis Kriegsende rund 80 000 Sudetendeutsche - 93 Prozent der Einwohner - lebten, war es am 31. Juli 1945 zu Übergriffen paramilitärischer tschechischer Einheiten auf Deutsche gekommen. Viele Opfer warf man von der Brücke in die nach Sachsen fließende Elbe, wo später ihre Leichen geborgen wurden. Die Täter blieben unbestraft.

„Die Toten waren in erster Linie unschuldige Bürger der Stadt“, betonte Gandalovic kurz vor Enthüllung der Tafel und wischt sich den Schweiß von der Stirn. Das Thermometer zeigt 38 Grad. Auch Petr Cibulka schwitzt. „Das Massaker war eine Reaktion auf den Krieg, den die Deutschen begonnen hatten“, sagt der Tscheche, der das Blutbad als 19-Jähriger erlebt hat. „Aber es ist gut, dass die Stadt das macht.“

Nach eine halbstündigem Gedenken enthüllt Gandalovic zu den Klängen von Beethovens 5. Sinfonie die etwa 30 x 40 Zentimeter große Tafel, auf der ein schlichter Satz in Deutsch und Tschechisch steht: „Zum Gedenken an die Opfer der Gewalt vom 31. Juli 1945“. Rund 200 Menschen applaudieren, darunter der stellvertretende tschechische Außenminister Vladimir Müller, US-Botschafter William Cabaniss, der deutsche Vizebotschafter Konrad M. Scharinger, der EU-Abgeordnete Milan Horacek und zahlreiche Vertriebene und Angehörige der deutschen Minderheit. Noch nie war auf kommunaler Ebene ein bilaterales Versöhnungstreffen so hochrangig besetzt. Vielen stehen Tränen in den Augen.

„Ich stimme nicht zu“, steht hingegen auf einem Zettel der 81- Jährigen Vera Kvizova. Sonst gibt es keine Proteste. Später gesteht Gandalovic, er sei „doch etwas nervös“ gewesen. Für viele Tschechen sind die Nachkriegsrepressalien gegenüber Deutschen ein Tabuthema. „Usti will eine Stadt weißen Flecken in der Geschichte sein“, betont hingegen der Oberbürgermeister. Bald wird die Autobahn Prag-Dresden ausländische Investoren in seine Stadt bringen. Da hätte sich ein unaufgearbeitetes Massaker nicht gut gemacht.

„Ruhe sanft im nassen Grab“, ruft ein Mitglied des „Hilfsvereins Aussig“ zum Schluss der Gedenkveranstaltung und wirft Rosen in die Elbe. Viele Jahre hat der Vorsitzende der in München sitzenden Vertriebenenorganisation, Günter Gierschik, für eine solche Tafel gekämpft. Ist er jetzt glücklich? „Ich spüre Genugtuung. Aber wenn ich an die Opfer denke - nein, glücklich kann ich da nicht sein.“

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