Starker Real
Brasilien will seine Währung schwächen

Brasiliens Währung hat im September gewaltig an Wert gewonnen. Darum will die brasilianische Regierung eine weitere Aufwertung vermeiden und den Zufluss von ausländischem Kapital bremsen. Doch solange der Leitzins auf 10,75 Prozent steht, hat sie keine Chance.
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SAO PAULO. Die Maßnahmen der brasilianischen Regierung gegen eine weitere Aufwertung des Real dürften wenig Erfolg haben. Auch nach der Erhöhung des Steuersatzes auf ausländische Kapitalzuflüsse in brasilianische Festzinsanleihen von zwei auf vier Prozent zu Wochenbeginn hat der Real weiter gegenüber dem Dollar zugelegt. Damit ist die brasilianische Währung neben dem südafrikanischen Rand die Valuta welche im September weltweit am stärksten an Wert gewonnen hat. Die Investmentbank Goldman Sachs hält den Real für die derzeit am stärksten überbewertete Währung.

Zwar erwägt die Regierung andere Maßnahmen, um den Zustrom ausländischen Kapitals zu bremsen: Höhere Zwangsbeteiligungen der Banken an ihren Termingeschäften wären eine Möglichkeit, den Banken ihre Wetten auf eine weitere Stärkung des Real zu verteuern. Die Regierung will zudem über ihren neuen Off-Shore-Staatsfonds Dollar aufkaufen. Doch bereits heute ist Brasilien das Land, welches nach der Schweiz am stärksten seine Devisenreserven vergrößert: Um ein Viertel steigerte die Zentralbank ihre Dollarbestände in einem Jahr auf rund 274 Mrd. Dollar. Auch Dollar-Swaps würden ein weiteres Anwachsen der Devisenreserven nur verzögern, nicht verhindern. Doch das wird immer teurer: Der Staat zahlt den Anlegern für ihre Realanleihen, die er gegen Dollar tauscht mehr als 11% an Zinsen. Brasilien bekommt jedoch auf seine Devisenreserven nur rund 0,5 Prozent Zins. Auf rund 50 Mrd. Dollar beziffert Markus Jäger von der Deutschen Bank die Kosten, welche Brasilien durch das Zinsgefälle jährlich entstehen.

Doch schon bald drohen auch diese Maßnahmen Makulatur werden: Die Zentralbank könnte mittelfristig zu einer weitere Erhöhung des Leitzinses von derzeit bereits 10,75 Prozent gezwungen werden. Denn bei ihren Inflationsszenarios rechnet die Geldbehörde mit einem Primärüberschuss im Haushalt von 3,3 Prozent, den die Regierung dieses Jahr unterschreiten wird. Maximal zwei Prozent wird sie als Plus im Budget hinbekommen (ohne Berücksichtigung der Zinskosten). Lediglich mit einmaligen Zuflüssen könnte sie das Ergebnis verschönern. Doch der Druck auf die Zentralbank, an der Zinsschraube zu drehen, wird steigen, weil die Regierung wegen des Wahlkampfes mit vollen Händen in die Kasse gegriffen hat. "Steuererhöhungen oder Einsparungen bei den Ausgaben sind nicht zu erwarten", sagt Fernando Montero, Ökonom vom Börsenmakler Convenção Corretora. "Der Zentralbank bleibt nur der Weg, die Zinsen zu erhöhen." Diese Zinserhöhung wird auf den Terminmärkten bereits vorweggenommen. Dennoch herrscht derzeit kein Konsens darüber, wann die Zentralbank die Zinsen erhöhen muss: Ilan Goldfajn, Chefökonom von Itau Unibanco erwartet erst wieder Leitzinserhöhungen Mitte 2011. "Die Inflationsrate ist mit fünf Prozent für 2010 weiterhin unter Kontrolle."

Doch auch mit dem Leitzins von 10,75 Prozent wird Brasilien das Interesse ausländischer Anleger an Brasilien nicht eindämmen können - dazu sind die Gewinne bei den Arbitrage-Geschäften zu verlockend: So können sich Investoren für jährliche Zinsen in Höhe von 2,5 Prozent in den USA Kapital für eine Laufzeit über zehn Jahre besorgen. In Brasilien erhalten sie dafür trotz jetzt erhöhter Kapitalverkehrssteuer noch 11,4 Prozent Zins im Jahr. Zudem müssen sie angesichts der guten Wachstumsprognosen Brasiliens keine Krise in Südamerika befürchten.

Brasilien ist somit ein Opfer seines eigenen Erfolges: So werden durch die erfolgreiche Kapitalerhöhung des Ölkonzerns Petrobras schätzungsweise rund 14 Mrd. Dollar aus dem Ausland an die Börse in São Paulo fließen. Auch eine weitere Verbesserung des Investmentgrades Brasiliens durch die Risikoagenturen - worauf die Finanzmärkte spekulieren - würde den Dollarzustrom nach Südamerika noch weiter ansteigen lassen. Dieses Jahr haben ausländische Investoren bereits rund 19 Mrd. Dollar in brasilianische Bonds investiert. Im gleichen Vorjahreszeitraum waren es nur 2,2 Mrd. Dollar.

Um den Aufwertungsdruck des Real zu verringern, wäre eine Senkung des Leitzinses der entscheidende Weg: Doch dazu müsste die Regierung ihre Ausgaben massiv streichen, die Steuern kräftig senken. "Doch bis die Maßnahmen zu Leitzinssenkungen führen vergehen mindestens fünf Jahre", sagt Miguel Daoud vom Finanzdienstleister Global Financial Advisor. Unrealistisch aus politischen Gründen sind derzeit solche grundlegende fiskalische Maßnahmen: Brasilien befindet sich inmitten der zweiten Runde eines verschärften Präsidentschaftswahlkampfes, der erst Ende Oktober beendet sein wird. Änderungen in der Politik - sei es gegenüber der unter der Real-Stärke leidenden Industrie oder etwa Haushaltskürzungen - würden von der Opposition im Wahlkampf als Schwäche der Regierung ausgeschlachtet. Der Wert des Real hat sich gegenüber dem Dollar seit Amtsantritt des scheidenden Präsidenten Luiz Inácio Lula da Silva 2003 mehr als verdoppelt. Im Wahlkampf hat die Opposition bereits Lulas Währungspolitik kritisiert. Doch für die Stabilitätspolitik Brasiliens ist der starke Real ein entscheidendes Element: Die kräftig wachsenden Importe halten die Inflationsrate niedrig. "Es ist die Frage, ob die Regierung derzeit überhaupt eine Real-Schwäche willkommen heißen würde", sagt Finanzexperte Daoud, "Sie braucht einen starken Real, um die Inflation im Zaum zu halten."

Alexander Busch
Alexander Busch
Handelsblatt / Korrespondent Südamerika

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