Steinmeier in Bangladesch
Zu Besuch bei den Flüchtlingen von morgen

In Bangladesch sieht man, wie weit der Klimawandel fortgeschritten ist. Hier ist jetzt schon Land unter. Werden die Klimaflüchtlinge irgendwann auch in Deutschland und anderen Industriestaaten landen?

DhakaEin ganz normaler Morgen am Ufer des Bongshi, eines der vielen Nebenarme des Ganges in Bangladesch, ein paar Kilometer außerhalb der Hauptstadt Dhaka. Der Monsun der vergangenen Wochen hat den Fluss stark anschwellen lassen. Das Ufer hält schon lange nicht mehr. Alles ist Matsch. In den Tümpeln schwimmt der Dreck. Die Kinder planschen trotzdem darin herum.

Ein ganz normaler Montagmorgen also – sieht man einmal davon ab, dass sich ausgerechnet hier Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier und sein französischer Kollege Laurent Fabius ein Bild vom Klimawandel machen wollen, der Bangladesch heute schon plagt wie kaum ein anderes Land.

Geplant war das anders. Eigentlich wollten die beiden mit dem Hubschrauber hinaus ins Delta von Bangladesch fliegen, das größte Flussdelta der Welt. Aber selbst dafür war der Monsun, der eigentlich schon längst vorbei sein sollte, zu stark.

So stehen sie nun am Bongshi, von dem sie zuvor noch nie gehört hatten. In Jeans und Hemd, ohne Krawatte, die Schuhe verdreckt. Einen Eindruck, was der Treibhauseffekt anrichtet, bekommt man auch so. Beide appellieren an die Staatengemeinschaft, sich beim nächsten Klimagipfel Ende November in Paris endlich auf ein Abkommen zu verständigen, mit dem der Temperaturanstieg auf maximal zwei Grad begrenzt wird.

Schuld am Temperaturanstieg sind vor allem die großen Industrie- und Schwellenstaaten. Bangladesch selbst stößt nur 0,15 Prozent der weltweiten Treibhausgase aus. Das Land - nicht einmal halb so groß wie die Bundesrepublik, aber mit doppelt so vielen Einwohnern (164 Millionen) – ist so flach wie Chapati, das Fladenbrot, das hier praktisch zu jeder Mahlzeit dazu gehört: Ein Sechstel der Fläche liegt weniger als einen Meter über Meer.

Wenn nicht wirklich etwas unternommen wird, ist dieses Land irgendwann einfach weg. Aktuell steigt im Golf von Bengalen das Wasser um einen halben Zentimeter pro Jahr. Der Weltklimarat fürchtet, dass sich der Meeresspiegel bis zum Ende des Jahrhunderts global um 98 Zentimeter erhöht. Hinzu kommt, dass das Salzwasser aus dem Ozean hereindrückt und die Flussarme hinaufwandert, auch den Bongshi. Der Boden versalzt.

Mit der Erwärmung steigt auch das Risiko extremer Wetterlagen. Am gefährlichsten sind die Zyklone, die immer wieder über das Land rasen. Allein in den vergangenen zehn Jahren gab es in Bangladesch drei Wirbelsturm-Katastrophen, die schlimmste 2007 mit fast 4000 Toten. Und was die Leute bislang erlebt haben, ist vermutlich nur ein Vorgeschmack auf das, was noch kommt.

Mangels Land ziehen jetzt schon viele aus dem Delta in die Slums von Dhaka. Statt von der Landwirtschaft arbeiten sie für einen Hungerlohn in den großen Textilfabriken. Experten schätzen, dass es schon im nächsten Jahrzehnt in Bangladesch bis zu 20 Millionen Klimaflüchtlinge geben wird. Im Süden Asiens käme eine neue Völkerwanderung in Gang.

Steinmeier ist sich dessen bewusst: „Wir wissen, dass sich Millionen Menschen aus ihren Heimatländern aufmachen, wenn der Klimawandel ihre Lebensgrundlage zerstört.“ Deutschland werde Bangladesch, das seit seiner Unabhängigkeit 1971 schon mehr als 2,5 Milliarden Euro Entwicklungshilfe bekommen hat, deshalb auch künftig nicht alleine lassen. „Wir tun das im eigenen Interesse“, sagt Steinmeier.

Manche sind jedoch der Meinung, dass das nicht reichen wird. Bangladeschs führender Klimaforscher Atiq Rahman hält es für eine „Frage der globalen Gerechtigkeit“, dass auch die Industrieländer Klimaflüchtlinge aufnehmen. „Die Leute müssen das Recht haben, in die Länder zu gehen, aus denen die Treibhausgase kommen“, sagt der Direktor des Bangladesh Center of Advanced Studies. „Allein die USA müssten Millionen Menschen einlassen.“

In Deutschland allerdings gäbe es dafür aktuell keine rechtliche Grundlage: In Artikel 16a des Grundgesetzes heißt es nur: „Politisch Verfolgte genießen Asyl.“ Von Klimaflüchtlingen ist da keine Rede.

Agentur
dpa 
dpa Deutsche Presse-Agentur GmbH / Nachrichtenagentur
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