Steinmeier in Syrien
Ungeduldiger Türöffner

Fast schien es, als wolle sich Frank-Walter Steinmeier im Morgengrauen davonschleichen. Es dämmert gerade, als der Bundesaußenminister in Jerusalem zum Ben-Gurion-Flughafen in Tel Aviv aufbricht. Tatsächlich ist das Reiseziel des Regierungs-Airbus „Konrad-Adenauer“ ungewöhnlich.

DAMASKUS. Denn Steinmeier fliegt nach Syrien, in ein Land, das in der amerikanischen und israelischen Liste der Bösewichte ziemlich weit oben steht. Obwohl der Flug nur eine Stunde dauert, bedeutet er den Übertritt in eine andere Welt: von der westlich orientierten, jüdischen Demokratie ins autoritär regierte Reich von Präsident Bashir el Assad, das mit dem Iran paktiert, radikale Palästinensergruppen unterstützen und Libanon destabilisieren soll.

„Ich weiß, dass dies für mich persönlich eine sehr schwierige Reise wird“, hat Steinmeier schon vor der Abreise gesagt. Denn als er nun in Damaskus die Gangway hinabsteigt und im schwarzen Mercedes zu seinem ersten Termin entschwindet, verlässt der Außenminister nach einem Amtsjahr erstmals den Windschatten klassischer deutscher Konsensdiplomatie und geht ein Risiko ein.

Frankreichs Präsident Jacques Chirac, die USA, die Israelis: sie alle finden es falsch, dass Steinmeier den Berg Kassioun hinauffährt, auf dem der Präsidentenpalast fast bedrohlich über Damaskus thront. Reden mit Assad? Das sei sinnlos und eine unnötige Aufwertung, sagen die Falken in Washington. Sogar EU-Außenrepräsentant Javier Solana hat seine Zweifel. Er findet, dass „die Syrer nur einen roten Teppich ausrollen, aber nichts zu holen ist“.

Zumindest mit dem roten Teppich hat Solana Recht: Die orientalischen Zeremonienmeister haben mehr als 100 Meter davon durch den innen mit weißem Marmor ausgekleideten Präsidentenpalast gelegt. Der SPD-Minister schreitet lange durch die Halle, bis er vor eine goldene Tür kommt. Erst als er kurz davor steht, öffnen sich ihre Flügel plötzlich.

Statt eines Königs erscheint Präsident Assad. Ein unsicheres erstes Abtasten, dann will Assad sich setzen. „Ich fürchte, wir werden uns nochmal die Hände schütteln müssen“, frotzelt Steinmeier mit Blick auf die vielen Kameras. „Aber das ist doch nicht nur europäische Tradition“, antwortet Assad in hölzernem Englisch und knöpft das Jackett wieder zu.

Schon am Abend zuvor bekam Steinmeier zu spüren, welche Gratwanderung seine Syrien-Reise bedeutet. Da stand er in der Jerusalemer Abendkälte fröstelnd neben der israelischen Außenministerin Tzipi Livni. Die Wärme der Begrüßungsküsschen war verflogen, als die Sprache auf Syrien kam. Nein, die Reise Steinmeiers wolle sie nicht kommentieren, bemerkte Livni spitz. Syrien verdiene nur eine Botschaft: „Falls Syrien wieder Teil der internationalen Gemeinschaft sein will, muss es aufhören, den Terror zu unterstützen.“

„Ausloten“ – so heißt das Schlüsselwort von Steinmeiers Reise, ganz gemäß der Philosophie sozialdemokratischer (Nah-)Ostpolitik. „Ohne Syrien kann es keine umfassende Nahost-Friedenslösung geben“, wiederholt er mantraartig. Von Irak über Libanon bis zum Palästina-Konflikt gebe es kein Thema, in das Syrien nicht involviert sei.

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