Stephen Sestanovich
„Es ist schwer, Opposition zu organisieren“

„Unter den aktuellen Bedingungen in Russland ist es schwer, eine schlagkräftige Opposition zu organisieren“, sagt Stephen Sestanovich. Er ist Mitglied des US-amerikanischen Council of Foreign Relations. Im Handelsblatt-Interview spricht er über Boris Jelzin, Putins Politik und die russische Opposition.

Handelsblatt: Unter Boris Jelzin schien Russland trotz mancher Wirren auf dem Weg zur Demokratie. Ist es das auch unter Wladimir Putin?

Stephen Sestanovich: Wir sollten die Jelzin-Ära nicht romantisieren. Allerdings ist richtig, dass damals die Fundamente für die Demokratie gelegt wurden – auch wenn das nicht wirklich funktionierte. Man denke nur an die Korruption, an die Regelverletzungen, die Intrigen. Deshalb waren die Menschen damals unzufrieden. Putin erbte dieses Durcheinander – und schlug einen eher autoritären Weg ein.

Haben die Menschen etwas von dem Reichtum, den Russland durch den hohen Ölpreis erfährt?

Auf jeden Fall profitieren die Menschen mehr als in den 90er-Jahren. Umfragen zufolge sagen bis zu 30 Prozent der Russen, es gehe ihnen besser. Nicht nur Oligarchen reisen oder kaufen sich eine Wohnung, sondern auch normale Menschen. Im Übrigen: Die ökonomische Misere in Russland war verursacht durch das Erbe der Sowjetunion, nicht durch Jelzin.

Die Partei „Einiges Russland“, die am Sonntag die Wahlen gewinnen wird, ist eine Partei, die der KP ziemlich ähnlich sieht.

Ja, es ist auch eine Nomenklatura-Partei. Was Putin mit ihr vermitteln will, ist: Einheit, Wohlstand – und Frieden mit der sowjetischen Vergangenheit. Das schließt auch eine Glorifizierung der Sowjetunion ein.

Ist das Scheitern der Opposition selbstverschuldet, oder sind es die Umstände, die Putins Gegner so amateurhaft erscheinen lassen?

Unter den aktuellen Bedingungen in Russland ist es schwer, eine schlagkräftige Opposition zu organisieren. Wenn man Leute um Spenden bittet, wissen diese, dass sie in Schwierigkeiten kommen werden. Die Opposition hat kaum Sendezeit im Fernsehen und die Wahrscheinlichkeit, dass Mitarbeiter in den Provinzen zusammengeschlagen werden, ist hoch. Für die Opposition ist es auch schwer, sich überhaupt registrieren zu lassen.

Fehlt es nicht auch an Einigkeit?

Richtig, man kann der liberalen Opposition zu Recht vieles vorwerfen. Wenn sie es geschafft hätte zusammenzuarbeiten dann wären sie wohl auch im Parlament vertreten. Andererseits: 15 Jahre nach dem Kollaps der Sowjetunion gibt es heute zwei Oppositionsparteien im russischen Parlament: Schirinowski und die Kommunisten. Das muss man sich einmal vorstellen.

Markus Ziener ist Korrespondent in Washington.
Markus Ziener
Handelsblatt / Korrespondent
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