Stern und Zhenhua
Der Routinier und der Wadenbeißer

Kaum waren sie in Kopenhagen angekommen, krachte es zwischen US-Unterhändler Todd Stern und seinem chinesischen Pendant Xie Zhenhua. Die beiden lieferten sich ein verbales Scharmützel darüber, wer am meisten Schuld am hohen CO2-Ausstoß habe. Einen Sieger gab es nicht, wohl aber die erste Verhärtung zwischen zwei, von denen ein Erfolg der Klimakonferenz wesentlich abhängt.
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WASHINGTON/PEKING. „Emissionen sind Emissionen“, hatte Todd Stern Reportern erklärt. „Und das lässt sich nicht dadurch lösen, indem man den großen Schwellenländern einen Freifahrtschein gibt.“ Gemeint war damit China, das die USA inzwischen bei den CO2-Emissionen als größter Verschmutzer abgelöst hat. Xie Zhenhua wollte das nicht auf sich sitzen lassen. Die USA sollten ihre Verhandlungsstrategie überdenken, schoss er zurück. „Sie sollten tiefe Seelenforschung betreiben“, diktierte seinerseits der Chinese den Reportern in die Mikrofone.

Seit Jahren prangert Pekings Klimabeauftragter mit scharfer Zunge die anhaltende Umweltverschmutzung durch die Industrieländer an und kommt – wie in Kopenhagen – meist schnell zum Thema. Seitdem der 61-Jährige für das Thema Klimawandel zuständig ist, hat er sich auf dem internationalen Parkett als eine Art Wadenbeißer profiliert. Nur wenn die wohlhabenderen Länder ihre Reduktionsziele anheben und mehr finanzielle Hilfe für ärmere Länder geben, sei China bereit, über eine Halbierung des CO2-Ausstoßes bis 2050 zu diskutieren, legte er noch mal nach.

Todd Sterns Attacke auf Peking beschreibt durchaus treffend seine Aufgabe in Kopenhagen. Zwar soll der Amerikaner einräumen, welch wenig ruhmreiche Rolle die USA bislang beim Ausstoß von Treibhausgasen gespielt haben. Doch gleichzeitig soll Stern nicht verhehlen, wo Washington die Probleme der Zukunft sieht. „97 Prozent des Wachstums neuer Emissionen kommen aus den Entwicklungs- und Schwellenländern“, hatte der 58-Jährige vorgerechnet. Amerika will sich deshalb nicht alleine an den Pranger stellen lassen. Und schon gar nicht die chinesischen Bemühungen zur Reduzierung seiner Emissionen finanzieren – wie von Peking gefordert.

Stern und Xie dürften sich ihre diplomatische Strategie für Kopenhagen gut überlegt haben. Bei einer mehrtägigen Konferenz kommt es darauf an, zu welchem Zeitpunkt die Karten gespielt werden und welche Erwartungshaltung zunächst aufgebaut wird. Ein früher Konflikt zwischen den USA und China hat für beide Seiten den Vorteil, dass später selbst ein schwacher Kompromiss leichter als Erfolg zu verkaufen ist.

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