Stets treten die Geläuterten auf
Mit Gott, aber ohne Bush

Lon Solomon hat sich schon gut warm geredet an diesem Sonntag. Als er um Punkt elf Uhr die Bühne der McLean Bible Church betritt und 3 000 Augenpaare auf ihn gerichtet sind, weiß er exakt, was er in den nächsten 45 Minuten sagen wird.

MCLEAN. Er wird mit einer Anekdote um den ehemaligen Box-Champion Evander Holyfield in die Predigt einsteigen, er wird sich über einen Zweifler an Gottes Barmherzigkeit erregen und dessen Porträt auf einen der großen Flachbildschirme werfen lassen, er wird fünf Prinzipien predigen, die lebenspraktische Orientierung geben sollen. Und dann wird er nach ein paar komödiantischen Einlagen und einem „God bless you, folks“ wieder von der Bühne eilen.

Solomon kennt jeden Satz und jede Pointe, weil er sie genau einstudiert hat und weil er sie bereits zum zweiten Mal an diesem Tag erzählt. Und wenn er dies beim 12.30-Uhr-Gottesdienst zum dritten Mal getan hat, dann werden ihm bis zu 11 000 Kirchgänger zugehört haben.

Lon Solomon ist einer der Stars der Megachurch-Szene in den USA. Dazu gehören Gemeinden, die in ihren Gottesdiensten mehr als 2 000 Besucher zählen. Inzwischen gibt es mehr als 1 000 solcher Mega-Kirchen in den USA – Tendenz steigend. In der Regel sind sie konfessionell ungebunden. Kein Bischof, keine Diözese kann ihnen reinreden. Fast alle sind evangelikal und konservativ. Ihre Anhänger halten die Bibel für unfehlbar, die Evolutionslehre für fragwürdig, Homosexualität für eine Sünde und Jesus für den Erlöser. Kein Wunder, dass sie der Partei der Republikaner näher stehen – bislang zumindest. Doch dies beginnt sich zu ändern.

Aus einer Kirche, die einmal von einer Hand voll Familien gegründet wurde und nicht mehr als 300 Gemeindemitglieder zählte, hat Lon Solomon ein Unternehmen mit 80 Vollzeit- und 120 Teilzeitbeschäftigten gemacht, das jährlich einen Etat von mehr als 15 Millionen Dollar verschlingt. Solomon ist noch kein Joel Osteen, der die Gemeinde seiner Lakewood Church in Houston, Texas, auf 35 000 Mitglieder ausgebaut hat. Aber der 57-Jährige ist auf dem besten Weg dazu. Denn schon überlegt das Management der McLean Bible Church (MBC), zehn Außenstellen einzurichten, um den sonntäglichen Gottesdienstmarathon nach Virginia, Maryland und Washington DC zu übertragen.

Tatsächlich platzt das ehemalige Areal der National Wildlife Federation, dessen Hauptgebäude wie ein riesiger Supermarkt aussieht und seit Ende der 90er-Jahre MBC gehört, aus allen Nähten. Und entlang der Zufahrtsstraße Leesburg Pike herrscht jeden Sonntagmorgen Stau.

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