Steuererleichterungen sollen Firmen in Frankreich halten
Paris sagt Job-Verlagerung den Kampf an

Die französische Regierung will die Abwanderung der Industrie ins Ausland stoppen. Eine interministerielle Arbeitsgruppe beschloss am Dienstag ein Förderpaket mit einem Volumen von 750 Millionen Euro. Regionale Steuererleichterungen sollen die Unternehmen daran hindern, Jobs ins Ausland zu verlagern. „Es geht um eine nationale Mobilisierung gegen Standortverlagerungen“, sagte Premierminister Jean-Pierre Raffarin.

PARIS. Ebenso wie in Deutschland verlagern auch in Frankreich immer mehr Unternehmen ihre Produktion und damit Arbeitsplätze in Länder mit geringeren Kosten. Nach einer Studie der Investmentbank Ixis hat Deutschland seit Anfang der 90er-Jahre rund 25 Prozent seiner Industrie-Arbeitsplätze verloren. In Frankreich waren es zwölf Prozent. Primäre Ursache dafür waren Produktivitätsgewinne, die unter anderem durch Standortverlagerungen erzielt wurden. „Wieviele Arbeitsplätze wegen einer Standortverlagerung verloren gingen, lässt sich schwer beziffern“, sagt Laure Maillard, Ökonomin von Ixis.

Ein Bericht des Senats, der zweiten Kammer des französischen Parlaments, kam zwar im Juni zum Schluss, dass es in Frankreich kein massives Abwandern des produzierenden Gewerbes gibt. Dennoch bezeichnen laut einer Umfrage die Franzosen den Kampf gegen Produktionsverlagerung als wichtigste Aufgabe der Regierung.

Mittlerweile drohen Unternehmen in Frankreich wie in Deutschland häufig mit der Verlagerung der Produktion ins Ausland, um Kostenvorteile durch längere Arbeitszeiten durchzudrücken. Dies gelang zum Beispiel dem Siemens-Konzern für die Handyfertigung in Bocholt und Kamp-Lintfort oder Bosch in seinem französischen Werk in Vénissieux. Liberale Ökonomen beurteilen grundsätzlich Jobverlagerung als Ausdruck der wünschenswerten internationalen Arbeitsteilung; denn dadurch sinken die Kosten, Produktivität und Wachstum steigen.

Laut der Ixis-Studie stellen Standortverlagerungen seit einigen Jahren aber doch eine Gefahr für etablierte Industrie-Staaten wie Deutschland und Frankreich dar. Zum einen seien seit kurzem nicht nur die arbeitsintensiven Industrien wie die Textilbranche von dem Phänomen betroffen, sondern auch High-Tech-Sektoren wie die Software-Entwicklung. Zum anderen hätten entwickelte Länder zunehmend Probleme, neue Produkte zu entwickeln und damit wettbewerbsfähige Industrien im Land zu halten.

Um diese negativen Entwicklungen zu bremsen, will die Regierung zum einen „Kompetenzzentren“ fördern. Damit sind Regionen gemeint, in der eine Branche besonders stark vertreten ist. Unternehmen sollen hier Steuervorteile bekommen. Die Zusammenarbeit zwischen Universitäten, Kommunen und Unternehmen soll in diesen Zentren vertieft werden. Zudem sollen Unternehmen in Gebieten mit hoher Arbeitslosigkeit mit Steuervorteilen im Land gehalten werden.

Ob die von der französischen Regierung beschlossenen Maßnahmen auf diese Herausforderung die richtige Antwort sind, darüber zeigt sich Ixis-Expertin Maillard skeptisch. „Der Kampf gegen Produktionsverlagerungen verlangt globalere Antworten, wie etwa die Förderung der Forschung oder von Aus- und Weiterbildung“, sagt Maillard.

Dagegen begrüßte der französische Arbeitgeberverband Medef die Bemühungen der Regierung. Zugleich kam Medef-Chef Ernest-Antoine Seillière auf sein Lieblingsthema zurück; nur mit der Abschaffung der 35-Stunden-Woche könne das Abwandern der Industrie effizient aufgehalten werden.

Auch auf EU-Ebene versucht Frankreich, seine Industrie zu schützen. Vergangene Woche schlug Finanzminister Nicolas Sarkozy seinen europäischen Amtskollegen vor, Mitgliedstaaten, deren Steuersätze niedriger als im EU-Schnitt sind, den Zugang zu den Strukturfonds zu verweigern. In den günstigen Steuersätzen von Staaten wie Lettland sieht er „Steuerdumping“.

Frankreichs Angst um die Arbeitsplätze

Frühe Fälle: Schon Anfang der 90er-Jahre sorgten Fälle wie der des Staubsauger-Herstellers Hoover für Schlagzeilen, der seine Produktion aus Frankreich abzog und nach Schottland verlegte.
Druck der Börse: Hinzu trat Anfang des Jahrtausends das Phänomen der „Entlassungen auf Druck der Börse“, wie bei Marks & Spencer oder dem Kekshersteller LU.
Debatte: Bücher wie „La France qui tombe“ (Der Niedergang Frankreichs) heizten die Debatte an.
Konkurrenz: Der Aufstieg Chinas und Asiens bereitet Frankreich Sorgen. Chiphersteller STMicroelectronics beschloss 2003, ein Werk zu schließen, um es nach Singapur zu verlagern.

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