Steuerparadies Liechtenstein
Loch im Maschendraht

Liechtenstein beherrscht die hohe Kunst der stillen Geschäfte wie kein anderes Land. Bislang. Denn auch wenn das Fürstentum versucht zu beschwichtigen: Der Fall Zumwinkel stellt das System infrage.

VADUZ. Otmar Hasler spult sein Programm ab, wie es ihm seine Mitarbeiter aufgeschrieben haben: „Der heutige 15. Februar ist ein Freudentag“, strahlt der ehemalige Lehrer, der es zum Regierungschef und Finanzminister über rund 30 000 Liechtensteiner gebracht hat. Fürst Hans-Adam II., Fürstin Marie, Erbprinz Alois, die österreichische Nationalratspräsidentin Barbara Prammer, der Schweizer Ständeratspräsident Christoffel Brändli – alle applaudieren artig an diesem Abend, an dem Liechtenstein sein neues Landtagsgebäude feierlich eröffnet. Ein Schlüssel wird überreicht, Gläser klirren, die Gäste prosten sich zu.

Auch nebenan bei der fürstlichen Bank LGT brennt noch Licht. Doch hier herrscht keine Feierlaune. Es tagt seit Stunden ein Krisenstab. Und wenn sich das, was hier hinter heruntergelassenen Jalousien besprochen wird, bewahrheitet, dürfte bald auch der benachbarte Landtag nur noch ein Thema kennen: Wie können wir unseren Ruf als diskrete Steueroase wiederherstellen? Wie können wir das Horten von Schwarzgeld erschweren, gleichwohl aber das Bankgeheimnis unangetastet lassen?

Das kleine Land, das sich ins Rheintal zwischen Österreich und die Schweiz zwängt, steht mal wieder im Mittelpunkt eines Wirtschaftskrimis, in dem es um anonyme Stiftungen und dubiose Geldtransfers, um Finanzfilz und Steuerhinterziehung geht. Die Hauptrolle spielt die größte Bank des Landes, der Liechtenstein Global Trust (LGT). Brisante Kundendaten des LGT, die über Umwege bei Steuerfahndern landeten, haben am Donnerstag zu einer Razzia beim bisherigen Post-Chef Klaus Zumwinkel geführt.

In einer Nebenrolle tritt die zweitgrößte Bank des Fürstentums, die Liechtensteinische Landesbank (LLB). auf. Polizisten haben am Samstag drei Männer aus Kiel und Rostock verhaftet. Sie sollen mitgeholfen haben, die LLB zu erpressen – mit delikaten Daten, die ein Angestellter 2003 aus dem Geldinstitut geschleust hatte.

Beide Liechtensteiner Institute haben jetzt ein gewaltiges Problem. Und der gesamte Finanzplatz, von dem ein Drittel des landesweiten Bruttoinlandprodukts abhängt, ächzt.

Nach Flick und Kanther, nach Schockemöhle und Siemens haben sich die Liechtensteiner bei den Kanonen von Schloss Vaduz, das hoch über der Landeshauptstadt thront, geschworen, dass so etwas nicht mehr vorkommt. Sie haben eine Finanzmarktaufsicht installiert und Reformen beim Stiftungswesen angeschoben. Sie haben zu einem ihrer jüngsten Bankentage Sabine Christiansen einfliegen lassen, die einen Vortrag über „Macht und Medien“ hielt mit dem Fazit: „Das Beispiel Liechtenstein zeigt, wie die Summe der Berichterstattung eine enorme Wucht entwickeln kann.“

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