Stimmen zur Empfehlung der EU-Kommission, mit der Türkei Beitrittsverhandlungen aufzunehmen
Ifo befürchtet Kollaps des Arbeitsmarktes

Hans-Werner Sinn, Präsident des Münchner ifo-Instituts, ist gegen eine Aufnahme der Türkei in die EU. Der Arbeitsmarkt drohe dann zu kollabieren. Die positiven Stimmen zum Start von Beitrittsverhandlungen überwiegen allerdings.

HB PASSAU/ISTANBUL/BRÜSSEL. „So wünschenswert und sinnvoll ein Türkei-Beitritt ganz langfristig vielleicht sein mag - Finger weg: Wir verheben uns!“, sagte Sinn der „Passauer Neuen Presse“. Er warnte vor den negativen Folgen eines Beitritts für den deutschen Arbeitsmarkt. Ökonomisch seien die zweistelligen Milliardenbeträge, die der Türkei aus EU-Geldern zustehen würden, nicht das Hauptproblem. „Das wirkliche Problem liegt darin, dass die Türkei sehr groß ist: 70 Millionen Einwohner und in 10 bis 15 Jahren das bevölkerungsreichste Land Europas“, erklärte Sinn.

Die Löhne in der Türkei lägen noch unter dem Niveau von Osteuropa. „In einer Übergangszeit von mehreren Jahrzehnten werden im Hochlohnland Deutschland die Löhne im unteren bis mittleren Bereich bereits durch den EU-Beitritt der Ostländer unter Druck geraten. Wenn auch noch die Türkei beitritt, wird die Zahl der Verlierer unter den deutschen Arbeitnehmern noch größer“, sagte Sinn.

Die EU-Kommission hat die Problematik ebenfalls erkannt und empfiehlt, den Zuzug von möglicherweise Millionen türkischer Arbeitnehmer durch langfristige oder sogar dauerhafte Schutzklauseln zu beschränken. „Es gibt von der türkischen Seite dagegen keine Einwände“, sagte Erweiterungskommissar Verheugen.

Unter strengen Auflagen hatte die EU-Kommission am Mittwoch in Brüssel Beitrittsverhandlungen mit dem bevölkerungsstarken muslimischen Land an der Schnittstelle zwischen Europa und Asien empfohlen. Kommissionspräsident Romano Prodi machte dabei klar, dass die Aufnahme von Verhandlungen nicht automatisch zum Beitritt führen werde. „Das Ergebnis ist nicht von vornherein klar“, sagte er. Die EU-Staats- und Regierungschefs müssen nun am 17. Dezember auf ihrem Gipfel über den Beginn der Gespräche entscheiden.

Die damalige EWG und die Türkei hatten im September 1963 ein Assoziierungsabkommen unterzeichnet. Es stellt den Türken eine spätere Vollmitgliedschaft in Aussicht. Im April 1987 beantragte die Türkei die Aufnahme in die EG, die in der EU aufgegangen ist.

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