Stimmung in Zypern: „Wir kaufen keine deutschen Produkte mehr, auch keinen Mercedes“

Stimmung in Zypern
„Wir kaufen keine deutschen Produkte mehr, auch keinen Mercedes“

Nach der Blockade zu Wochenbeginn kommt Zypern der Rettung wieder näher. Doch die Menschen auf der pleitebedrohten Mittelmeerinsel beruhigt das kaum. Sie haben Angst und schimpfen auf Deutschland. Ein Stimmungsbericht.
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NikosiaEs ist ein Krisenindikator der besonderen Art: Kurz vor Beginn des WM-Qualifikationsspiels der Fußballmannschaften Zyperns und der Schweiz am Samstag waren nicht mehr als etwa tausend Zuschauer im Stadion von Nikosia – die Arena bietet Platz für knapp 22 000 Besucher. Das will schon etwas heißen, gelten doch die Zyprioten als fußballbegeistertes Volk. So versetzte es die Insulaner in einen tagelangen Ausnahmezustand als APOEL Nikosia im vergangenen Jahr völlig überraschend das Viertelfinale der Champions League erreichte. Das Spiel am Samstag hatte auch hohen symbolischen Wert: 1968 hatte der Fußball Zwerg gegen die Schweiz seinen ersten internationalen Sieg errungen. „Die Stimmung ist bedrückt, die Menschen haben keine Lust mehr“, kommentierte der Reporter des staatlichen Radios RIK die leeren Ränge.

Das Land befindet sich wieder in einer Art Ausnahmezustand – allerdings einem gänzlich anderen als nach dem Champions-Leauge-Erfolg. Bei den Menschen wächst die Sorge, dass es für Zypern keinen wirklichen Ausweg mehr aus der tiefen Krise gibt. Die Zyprer wissen, dass schwierige Zeiten auf Sie zukommen. Auf den Straßen ist eine Stimmung zu spüren, die irgendwo zwischen Verzweiflung und Resignation und Fatalismus zu verorten ist. Die Regierung ist zwar optimistisch eine Lösung zu finden und Zypern vor der Staatspleite zu retten. Doch die Zyprer, die seit Tagen im Rampenlicht der Weltöffentlichkeit stehen, haben Angst vor der Zukunft. Sie fürchten Arbeitslosigkeit und wachsende Armut. Nicht wenige rechnen damit, dass schon bald Chaos auf ihrer Insel ausbrechen könnte.

Zur möglicherweise entscheidendem Krisensitzung mit der EU flog am Sonntagmorgen der zyprische Präsident Nikos Anastasiades und Finanzminister Michalis Sarris nach Brüssel. Am Abend wollen dann die Finanzminister der Eurogruppe in Brüssel zusammenkommen, um die letzte Entscheidung zu einem möglichen Ergebnis zu treffen. Am Samstag hatte es kein endgültiges Ergebnis gegeben.

In Zypern läuft derweil das öffentliche Leben, der drohende Bankrott ist aber bereits spürbar. Auch in den Straßen der Hauptstadt Nikosia. Seit einer Woche sind die Banken geschlossen und werden wohl frühestens am Dienstag wieder öffnen. „Seit vergangenen Samstag mache ich das jeden Tag so – sicherheitshalber“, sagt eine zierliche Mittvierzigerin, die gerade 300 Euro abgehoben hat. Schließlich wisse niemand, wie lange das überhaupt noch möglich sein werde.

„Wir haben Angst, dass die Banken vielleicht gar nicht mehr aufmachen. Dass man uns unser ganzes Geld raubt“, ergänzt die Frau, die sich als Maria vorstellt. Zwar haben die Geldhäuser ihre Automaten bisher rechtzeitig aufgefüllt und zugesichert, das auch in den nächsten Tagen zu tun. An vielen Banken fahren gepanzerte Wagen der Sicherheitsfirmen mehrmals am Tag vor. Dennoch scheint sie nicht die einzige zu sein, die misstrauisch ist: Überall vor den Banken in der zentralen Fußgängerzone Ledras stehen Menschen an, die Geld abheben möchten. Das ist momentan die einzige Möglichkeit, um an Bares zu kommen.

Solange nicht endgültig klar ist, wie es ein neues Rettungspaket für den Inselstaat gibt, haben die maroden Geldhäuser geschlossen. Es wird befürchtet, dass nervöse Anleger ihre Konten sonst plündern. Überweisungen über Online-Banking sind schon seit vergangenem Samstag nicht mehr möglich.

Darunter, dass der Zahlungsverkehr praktisch zum Erliegen gekommen ist, leiden vor allem Unternehmen, Geschäftsleute und Ladenbesitzer. Sie können weder Rechnungen begleichen, noch ihren Mitarbeitern Gehälter überweisen. Viele dringend benötigte Waren aus dem Ausland können nicht mehr bezogen werden, bei Medikamenten beispielsweise gibt es schon erhebliche Engpässe.

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„Wir kaufen keine deutschen Produkte mehr, auch keinen Mercedes“

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Nur noch Bares wird akzeptiert

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„Quittung für zu hohen Lebensstandard“

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  • Warum geht in deutschland keiner auf die strasse
    und demonstriert gegen,Zypern,griechenland,portugal & Co.
    Ich bin auch kein liebhaber der deutschen steuerpolitik und anderer sachen von Merkel & co. aber das was dort abläuft ist nur noch widerlich, deshalb nie wieder Urlaub in diesen so. Südstaaten.

  • "Wir kaufen keine deutschen Produkte mehr, auch keinen Mercedes“ => soso, ich glaube gekauft wird weiter, aber nicht b e z a h l t . Die Bundesbank solls richten (Target 2). Das geht alles nicht mehr lange gut, die EZB kann nicht zaubern. Und die Immobilienpreise in D kennen nur eine Richtung.... ja warum bloß???

  • Argentinien war in Zeiten nationaler Währungen die einzige unrühmliche Ausnahme von Staatspleiten. Eine recht dümmliche Währungspolitik, den Peso fest an den Dollar zu knüpfen, da er dadurch komplett überbewertet war. Aber durch die Schaffung einer Währungsunion gegen alle Gesetze der Volkswirtschaftslehre und der Vernunft haben die europäischen Plutokratenhäuptlinge diese Situation zum Gesetz erhoben. Wie die Kaninchen auf die Schlange starren heute, nach der Einführung des Euro, die PIIGS+F auf den Euro-Kurs: Sie müssten ihn eigentlich abwerten, um ihre negative Zahlungsbilanzen aufzuwerten und ihre Wettbewerbsfähigkeit international zu erhöhen – Aber wie das tun bei einer Gemeinschafts-Währung, die sie hauptsächlich mit der Erwartung angenommen haben, gleichzeitig einer Haftungsgemeinschaft anzugehören. Man hat zwar Maastricht beschworen, aber ein Meineid zu schwören gehört in dieser EU zum guten Ton. Und, geht es den anderen Staaten der Währungsunion grundlegend besser als Griechenland und Zypern? Wenn man nach der Zwangsformel: Währungsunion = Politische Union, ob sie wollen oder nicht rechnet, sind sie alle noch gesund. Aber wer mit etwas Realismus an die Angelegenheit herangeht, merkt vielleicht, daß von 17 Staaten der Währungsunion 15 schon unter die Rettungsschirme gehören. Vielleicht sind sie schon pleite und das weiss nur der Draghi, der „ultra vires“ Geld schaufelt und er sagt das keinem der Plutokratenhäuptlinge der EU? Unsere Geschichte holt uns alle ein: Die düstere Prophezeiung des Jaques Chirac nach dem EU-Gipfel 1997 in Strasbourg: Die Währungsunion ist das größte währungspolitische Abenteuer der Geschichte gewinnt jetzt Wahrheit: Konnten das die tumben Könige aus dem Abendlande: Schmidt, Kohl und Schröder begreifen? Wohl kaum. Vertreten müssen die gar nichts, denn nur das Volk büßt immer, was die Könige tun, sagt der römische Satiriker Horaz.
    Wer befreit uns von diesem Übel? Die Alternative für Deutschland? Probieren sollten wir´s!!!

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