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20.07.2008 
Zweite Panne in einer Nuklearanlage

Störfall bringt Frankreich ins Grübeln

von Tanja Kuchenbecker

TANJA KUCHENBECKER | PARIS

Zum zweiten Mal innerhalb eines Monats hat es in Frankreich einen Störfall in einer Atomanlage gegeben. Erstmals scheinen nun wirkliche Zweifel an der Energiepolitik aufzutreten, die sich wesentlich auf Atomkraft stützt. In einem Werk in Romans-sur-Isère bei Grenoble seien zwischen 120 und 750 Gramm flüssiges Uran ausgetreten, sagte die Atomaufsicht ASN. Grund dafür war ein schadhaftes Rohr in der Brennstäbe-Fabrik. Allerdings gibt es Hinweise, dass das Rohr schon seit einigen Jahren undicht gewesen sein könnte. Deshalb ist noch nicht erwiesen, wie ernsthaft die Panne ist.

Laut Betreiberfirma Areva und ASN besteht keine Gefahr für die Menschen, es sei kein Uran in die Umwelt gelangt. Vergleichbar mit Tricastin sei der Zwischenfall nicht. Im südfranzösischen Tricastin waren vor zwei Wochen in einer Atomanlage sechs Kubikmeter uranhaltige Flüssigkeit in die Umwelt gelangt. Zwei Zwischenfälle in nur einem Monat sorgen für Unruhe in Frankreich. Viele fragen besorgt: "Trinken wir seit Jahren verseuchtes Wasser?" Der Dachverband der französischen Umweltschutzorganisationen France Nature sprach von einer "tragischen Tour de France der Atomunfälle". Die Politik habe "die Kontrolle über die Atomkraft verloren".

Die Tageszeitung "Le Parisien" brachte das Thema sogar auf der Titelseite - was höchst ungewöhnlich ist. Anders als in Deutschland regte sich in Frankreich noch nie viel Widerstand gegen Atomkraft. Im Gegensatz zur Windkraft ist sie akzeptiert. 59 Reaktoren erzeugen hier rund 80 Prozent des Stroms. An einen Ausstieg aus der Nuklearkraft hat Frankreich noch nie gedacht. Doch die Atomunfälle zeigen die Grenzen auf. Die Bevölkerung hat mittlerweile das Gefühl, dass Informationen bewusst zurückgehalten werden.

Tricastin wurde zuerst wie eine Nebensache behandelt und der Unfall erst mit einem Tag Verspätung bekannt gegeben. Dennoch wurde schließlich der Verzehr von Fischen und der Genuss von Trinkwasser in der Region untersagt. Das empörte die Franzosen. Beide Unfälle wurde in der ersten, der niedrigsten Stufe der internationalen Bewertungsskala mit sieben Stufen eingeordnet. Areva-Chefin Anne Lauvergeon versuchte die Vorfälle herunterzuspielen, es habe keine Auswirkungen auf die Gesundheit der Bevölkerung gegeben.

Mittlerweile schaltete sich jedoch auch die Politik ein und reagiert damit auf die zunehmenden Ängste und negativen Stimmen in der Bevölkerung. Umweltminister Jean-Louis Borloo sagte auf einer Pressekonferenz, er wolle bis Herbst alle französischen Atomanlagen überprüfen. Er kündigte auch Grundwasser-Untersuchungen an. Wichtig sei ihm, dass schnell reagiert wird: "Eine Betreiberfirma muss sofort informieren - und nicht erst drei Stunden danach." Er bemühte sich, die Bevölkerung mit einer Erklärung zu beruhigen, die in Deutschland sicherlich eher für Panik sorgen würde. Eine Überreaktion sei unangebracht, so Borloo. Schließlich gebe es jedes Jahr 115 "kleine Unregelmäßigkeiten" in der französischen Atomindustrie. Als Konsequenz des Zwischenfalls in Tricastin wurde aber der Leiter der Anlage entlassen.

Bisher präsentierte sich Frankreich immer als stolze Atomnation und pries Atomkraft als Königsweg zur Energiesicherheit und zum Umweltschutz. Für Staatspräsident Nicolas Sarkozy bedeutet Energiepolitik vor allem Atomkraft. Bei jeder Gelegenheit bietet er im Ausland französisches Know-how an. In Ländern wie China wetteifern Frankreich und die USA darum, ihre Atomkraftwerke zu exportieren. Neben Atomkonzern Areva und Versorger Électricité de France (EdF) entsteht mit der Fusion von Gaz de France (GdF) und Suez ein neuer französischer Energiechampion, der sich im Nuklearbereich engagieren will.

Erst vor kurzem kündigte Sarkozy an, dass ein zweiter Hochdruckreaktor EPR auf französischem Gebiet geplant ist. Frankreich will seine Position als führende europäische Atomnation weiter ausbauen. Doch möglicherweise sind die in diesem Monat bekannt gewordenen Pannen nur die Spitze eines Eisberges.

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