Streiks in Frankreich
Der Ton wird rauer

In Paris erscheinen am heutigen Dienstag keine Zeitungen - was nicht weiter schlimm ist, weil ohnehin kaum Züge und Busse fahren, in denen der Pendler sein Blatt in Ruhe lesen könnte. Unser Frankreich-Korrespondent hat sich mit dem Fahrrad auf den Weg zur Arbeit gemacht und festgestellt, dass den nicht-streikenden Franzosen bald der Kragen platzt.

PARIS. Die typische französische Angestelltenfamilie hat zwei Kinder, beide Elternteile sind berufstätig, wohnen in einem Vorort von Paris, da dort die Mieten etwas billiger sind und nehmen jeden Morgen den öffentlichen Nahverkehr, um ins Büro zu fahren. Dieses Lebensmodell zeigt sich besonders am Dienstag als sehr anfällig, sollten, wie an diesem Tag geschehen, gleich mehrere Streiks auf einmal zusammen treffen.

Seit sieben Tagen wird der Weg zur Arbeit zum Spießrutenlauf: Wegen des Streiks der Beschäftigten bei der Bahngesellschaft SNCF und das Nahverkehrsunternehmen RATP sind die Zugverbindungen aus den Vorstädten nach Paris quasi abgeschnitten. Statt alle fünf Minuten fährt nur zweimal pro Stunde ein Zug. Mit ihrem Streik protestieren die Bahner gegen die geplante Reform ihrer Rentenkassen.

Die Kinder können zudem am Dienstag nicht in die Schule. Denn an diesem Tag streiken auch Frankreichs Beamte, wozu auch die Beschäftigten des Education Nationale zählen. Die Staatsdiener quittieren für einen Tag den Dienst für den Staat, weil sie gegen die geplanten Stellenkürzungen protestieren. Im nächsten Jahr will die Regierung rund 18 000 von rund fünf Millionen Beamtenposten streichen. Ferner wollen die Beamten mehr Geld.

Keine Schule, keine Bahnen – Vater oder Mutter muss also schon mal blau machen, um auf die Kleinen aufzupassen. Wer indes den Tag zuhause ruhig bei der Lektüre einer Tageszeitung angehen lassen will, hat auch Pech: Denn am Dienstag erscheinen auch keine Zeitungen. Die Beschäftigten des Pariser Zeitungsvertriebs streiken; sie wollen sich gegen die geplante Restrukturierung der Vertriebsgesellschaft wehren.

Kein Wunder, dass den nicht-streikenden Franzosen so langsam der Kragen platzt. Der Ton im täglichen Stau wird bereits rauer: „Pass doch auf, Du Blödmann“, keift eine Frau in einem roten Peugeot auf der Pont d’Asnieres Richtung Paris einem Fahrradfahrer hinterher. Dieser hatte es gewagt, beim Vorbeischlängeln an der Blechkolonne mit dem Lenker leicht ihren Außenspiegel zu berühren.

An der Ampel ist dann unter Radfahrern schon mal Zeit für ein kleines Schwätzchen. „Und, wo müssen Sie hin?“, fragt der Mann auf dem schwarzen Montain Bike eine neben ihm wartende Frau, bestückt mit Helm und gelber Warnweste: „Och, ich habe es nicht soweit, ich muss nicht bis Paris rein.“ Die Ampel springt auf grün, ein Rudel Motorroller rast wie ein Schwarm wütender Hornissen los und lässt die langsam los rollenden Radfahrer in einer blauen Qualmwolke zurück. Dahinter drängeln und hupen die Autofahrer, denen es nicht schnell genug geht.

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