Streit im Direktorium der EZB
Kampf um Issings Erbe

Im Direktorium der Europäischen Zentralbank (EZB) tobt ein offener Streit um die langfristige strategische Ausrichtung der Geldpolitik. Bei der Meinungsverschiedenheit von EZB-Chefvolkswirt Jürgen Stark und EZB-Vizepräsidenten Lucas Papademos geht es um die so genannte Zwei-Säulen-Strategie der Bank.

FRANKFURT. Am Donnerstag widersprach der Chefvolkswirt der Europäischen Zentralbank (EZB), Jürgen Stark, in einem Gastbeitrag für die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ offen dem EZB-Vizepräsidenten Lucas Papademos. Zuvor hatte sich bereits Direktoriumsmitglied Lorenzo Bini Smaghi eine öffentliche Abfuhr von EZB-Präsident Jean-Claude Trichet eingefangen, für Thesen, die er in einer geldpolitischen Grundsatzrede vertreten hatte.

Bei der Meinungsverschiedenheit von Stark und Papademos geht es um die so genannte Zwei-Säulen-Strategie der EZB. Sie beruht auf der Trennung der so genannten ökonomischen Analyse und der monetären Analyse. Bei letzterer werden vor allem Geldmengen- und Kreditaggregate auf ihre Bedeutung für die künftige Preisentwicklung untersucht, die erstere umfasst die Prognose der künftigen Preisentwicklung anhand aller übrigen dafür brauchbaren Wirtschaftsindikatoren. Papademos hatte Anfang November im Rahmen einer wissenschaftlichen Konferenz zur Bedeutung der Geldmenge diese Strategie langfristig in Frage gestellt. Er hatte die Anwendung eines neuen makroökonomischen Modells durch die EZB angekündigt, das die Möglichkeit biete, monetäre Größen prominent zu integrieren. Wenn dies gelänge, „könnte es möglich sein, die beiden Säulen unserer geldpolitischen Strategie zu einer einzigen Säule zusammenzuführen“, hatte Papademos gesagt.

„Diese Versuche werden bei der EZB genau beobachtet“, distanzierte sich Stark deutlich von diesem Unterfangen und fügte hinzu: „Auch wenn hier Fortschritte erzielt werden, ist es aus meiner Sicht extrem unwahrscheinlich, einmal das ‚eine’ Modell zu finden, das die komplexe Wirklichkeit mit all ihren Facetten des monetären Transmissionsmechanismus abzubilden vermag.“

Stark hat das Direktorat Volkswirtschaft unter sich, in dem die monetäre Analyse größtenteils stattfindet. Papademos ist seit sechs Monaten für das Direktorat Forschung verantwortlich, in dem die makroökonomischen Modelle der EZB maßgeblich entwickelt und verfeinert werden. Starks Vorgänger Otmar Issing, der Architekt der Zwei-Säulen-Strategie, hatte bis zu seinem Ausscheiden im Juni beide Zuständigkeiten auf sich vereinigt.

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