Streit um Bodenschätze
Türkei macht Zypern Ölvorkommen streitig

Ruhig wird es um die Mittlemeerinsel Zypern nie: Die Republik Zypern möchte Gas- und Ölvorkommen vor der Küste nutzen – der türkisch besetzte Teil der Insel und die Türkei selbst möchten aber auch vom lockenden Reichtum profitieren. Die Regierung in Ankara zeigt nun bereits militärische Präsenz.

NIKOSIA. Die Kontroverse um die Ausbeutung vermuteter Öl- und Gasvorkommen im östlichen Mittelmeer spitzt sich zu. Die Regierung der Republik Zypern will jetzt Explorations- und Förderkonzessionen für ein rund 70 000 Quadratkilometer großes Seegebiet vor der Südküste der Insel vergeben. Doch die Türkei, die den Norden Zyperns seit 1974 militärisch besetzt hält, protestiert dagegen. Sie erhebt ihrerseits Ansprüche auf die Bodenschätze und lässt bereits Kriegsschiffe vor dem umstrittenen Seegebiet aufkreuzen.

Am kommenden Donnerstag endet die Ausschreibungsfrist für die Konzessionsvergabe in elf Offshore-Parzellen südlich und südwestlich Zyperns. Anschließend will das Handels- und Industrieministerium in Nikosia über die Vergabe der Konzessionen entscheiden. Das Interesse sei rege, heißt es in zyprischen Regierungskreisen. Unter den Bewerbern sollen Fördergesellschaften aus den USA, Norwegen, Russland und China sein.

Zypern hat mit Ägypten und Libanon Verträge über die bilaterale Abgrenzung der Wirtschaftszonen geschlossen. Mit Israel und Syrien verhandelt die Inselrepublik noch über solche Abkommen. Vier der jetzt ausgeschriebenen Parzellen grenzen unmittelbar an das ägyptische Nemed-Feld, wo bereits Erdgas gefördert wird. Zu den Vorkommen um Zypern gibt es bisher nur Schätzungen. Sie gehen in die Größenordnung von sechs bis acht Mrd. Fass Erdöläquivalent. „Wenn wir mit der Förderung beginnen, wird Zypern eines der reichsten Länder der Erde sein“, freut sich bereits des frühere zyprische Industrieminister Nikos Rolandis.

Doch die türkischen Zyprer im Norden der geteilten Insel und die Türkei hätten gern ihren Anteil an den Bodenschätzen. Die Regierung der Republik Zypern vertrete nicht die türkischen Inselbewohner und habe deshalb kein Recht, über deren Köpfe hinweg Verträge abzuschließen, argumentiert Hasan Ercakica, der Sprecher der türkisch-zyprischen Verwaltung im besetzen Inselnorden. „Wenn die griechischen Zyprer so weitermachen, werden sich die Spannungen verschärfen“, fürchtet Ercakica. Auch Ankara warnt: Die Türkei habe „begründete Rechte und Zuständigkeiten im Seegebiet westlich Zyperns ab der geografischen Länge 32ll 16' 18“, sagt der Sprecher des türkischen Außenministeriums, Levent Bilman.

Damit überschneidet sich die von Ankara beanspruchte Wirtschaftszone mit dem westlichen Drittel des von der Republik Zypern ausgeschriebenen Gebiets. Die Regierung sei „entschlossen, unsere Rechte im östlichen Mittelmeer zu schützen", sagte Bilman. Die Türkei will jetzt das Forschungsschiff „Yunus S“ in die Gewässer vor Zypern schicken und über die staatliche Erdölgesellschaft Türkiye Petrollerie AO ab Ende August ihrerseits Konzessionen im östlichen Mittelmeer vergeben.

Wegen ähnlicher Ansprüche in der Ägäis waren die Türkei bereits in den 80er und 90er Jahren und Griechenland mehrfach an den Rand eines Krieges geraten. Auch jetzt unterstreicht die Türkei ihre Proteste mit zwei Fregatten, die vor Zypern aufkreuzten – einstweilen noch in internationalen Gewässern. Schon Anfang des Jahres hatte der türkisch-zyprische Volksgruppenführer Mehmet Ali Talat gedroht, die Türkei werde Explorationen vor Zypern als „Kriegsgrund“ betrachten.

Sowohl Ankara als auch Nikosia haben inzwischen in Briefen an Uno-Generalsekretär Ban Ki Moon gegeneinander Beschwerde geführt. Diplomaten in Nikosia vermuten, mit ihrem Säbelrasseln wolle die Türkei vor allem mögliche Interessenten für die jetzt ausgeschriebenen Konzessionen verunsichern.

Rechtlich stehen die türkischen Ansprüche nach Meinung von Völkerrechtlern allerdings auf schwachen Füßen, zumal die jetzt von Nikosia zur Konzessionsvergabe ausgeschriebenen Gebiete nicht vor der Küste des besetzten Inselnordens sondern ausschließlich im Süden Zyperns liegen. Der US-Botschafter in Nikosia, Ronald Schlicher, bezeichnete jetzt nach einem Treffen mit dem zyprischen Energieminister Antonis Michaelidis die Konzessionsvergabe als „völlig legal“. Auch die EU schlug sich in dem Streit auf die Seite ihres Mitglieds Zypern, mahnte aber zugleich beide Seiten zur Zurückhaltung.

Gerd Höhler
Gerd Höhler
Handelsblatt / Korrespondent Südosteuropa
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