Streit um Straffreiheit
USA: Es gab keinen Deal mit Karadzic

Mit seiner ersten Aussage vor dem Uno-Tribunal in Den Haag bringt der mutmaßliche Kriegsverbrecher Radovan Karadzic die USA in Bedrängnis: Amerika habe ihm Straffreiheit zugesagt, wenn er freiwillig abtrete, so Karadzic. In Washington bestreitet man eine solche Vereinbarung.

BERLIN. Der in Den Haag vor dem Uno-Kriegsverbrechertribunal stehende Ex-Serbenführer Radovan Karadzic bringt die USA in Bedrängnis: Der frühere bosnische Serbenführer bekräftigte jetzt seinen Vorwurf, die Amerikaner hätten ihm 1996 einen anrüchigen Deal angeboten. Demnach hätte sich der wegen Kriegsverbrechen und Völkermordes seit 1995 Angeklagte nicht vor dem Den Haager Gerichtshof verantworten müssen, wenn er freiwillig von der politischen Szene abgetreten wäre. Der damalige US-Balkanbeauftragte des Weißen Hauses, Richard Holbrooke, hatte dieser Darstellung Karadzics widersprochen.

Für Washington ist der Fall peinlich, weil die USA solche politischen Geschäfte mit gesuchten Völkermördern öffentlich ausschließen. "Das ist eine völlig falsche Darstellung", wies Holbrooke, der früher auch US-Botschafter in Deutschland war, die Karadzic-Anschuldigung als "lächerlich" zurück. Vielmehr habe er bei der Verhandlung über Karadzics politische Aufgabe als bosnischer Serbenführer 1996 "bewusst doppeldeutige Aussagen gemacht". Aber am Ende habe dieser "nichts für seinen Abgang gekriegt".

Inzwischen aber mehren sich Stimmen, die Karadzics Position unterstützen. So sagte der frühere Außenminister der bosnischen Serbenrepublik Republika Srpbska, Aleksa Buha, ein entsprechendes Abkommen zwischen Karadzic und Holbrooke sei in der Nacht vom 18. und 19. Juli 1996 unterzeichnet worden und dabei sei Karadzic von Holbrooke Straffreiheit zugesagt worden. "Das habe ich mit eigenen Ohren gehört", sagte Buha jetzt. Auch der damalige moslemisch-bosnische Außenminister Muhamed ?acirbegovic bestätigte nun diese Darstellung.

Auch Karadzics Bruder Luka beschwor gegenüber Belgrader Medien, seinem Bruder sei diese Zusage gemacht worden. Das habe dieser ihm sofort nach seinem Rücktritt als Chef der damals fast allmächtigen bosnischen Serbenpartei SDS gesagt.

Er betonte zudem, dass dazu als Zeuge der frühere langjährige russische Außen- und Premierminister Jewgenij Primakow vor Gericht geladen werden solle: "Primakow weiß zu diesen Abmachungen alles." Primakow hatte damals den serbischen Autokraten Slobodan Milosevic zu einer friedlichen Lösung des Balkan-Konflikts bewegen wollen.

Unterdessen veröffentlichte die Belgrader Zeitung "Glas Javnosti" ein Dokument, in dem die USA Karadzic für den Verzicht auf seine politischen Ämter schriftlich die Zahlung von 600 000 Dollar, eine Residenz und sechs Leibwächter zugesagt haben. Damit solle Karadzics damaliges Lebensniveau "für die nächsten sechs Jahre erhalten bleiben".

Auch die serbischen Geheimdiensten nahestehende Belgrader Zeitung "Blic" stützte Karadzics Darstellung und berief sich dabei auf einen namentlich nicht genannten CIA-Agenten. "Die CIA deckte Karadzic bis zum Jahr 2000", schreibt das Blatt. Dann hätten US-Agenten herausgefunden, dass Karadzic heimlich weiter seine SDS leitete und ihn fallen gelassen.

Holbrooke hatte bereits 1998 in seinen Memoiren "To end a war" von "bewussten Doppeldeutigkeiten" gegenüber Karadzic geschrieben. Allerdings bleiben weitere Zweifel: Denn Holbrooke sagte nach jener Verhandlungsnacht im Juli 1996 im Belgrader "Hyatt"-Hotel bei seiner Verkündung des Karadzic-Urteils: "Wir haben einen wichtigen Schritt vorwärts gemacht, obwohl wir nicht das erzielt haben, was wir bei unserer Ankunft in Belgrad vorhatten. Wir sind auch nicht vollkommen zufrieden und vertreten die Ansicht, dass die für Kriegsverbrechen angeklagten Personen - und eine von ihnen ist auch Karadzic - vor das Haager Tribunal kommen müssen. Wir werden weiter in diese Richtung arbeiten", erklärte Holbrooke damals.

Indes verhärten sich die Fronten im Streit um den Umgang mit dem inhaftierten Karadzic: So erhielt der liberale serbische Präsident Boris Tadic eine erneute Morddrohung. Der Brief war in Wien aufgegeben worden und Tadic wird darin laut der Zeitung "Vesti" mit dem Tod bedroht, weil er "serbische Idole verhaften und ausliefern lässt".

In der montenegrinschen Hauptstadt Podgorica ist inzwischen sogar ein junger Mann zu Tode geprügelt worden in einem Lokal, weil er dort ausgerufen hatte, "man hätte Karadzic schon lange verhaften müssen".

Karadzic wurde inzwischen von seinem Richter Alphons Orie aufgefordert, seine Behauptung schriftlich vorzulegen und mit Fakten zu untermauern. Die nächste Gerichtsanhörung dazu findet am 29.August statt.

Der Hamburger ist nach Stationen als Auslandskorrespondent in Moskau, Brüssel und Warschau jetzt Auslandschef des Handelsblatts. Er interessiert sich besonders für Osteuropa, die arabische Welt und Iran.
Mathias Brüggmann
Handelsblatt / Korrespondent
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