Streitpunkt Anti-Terror-Kampf – Mehr Finanzhilfen
In Washington wachsen Zweifel an Pakistan

In den USA wachsen die Zweifel an Pakistans Verlässlichkeit im Kampf gegen den Terror – nicht umsonst geben sich derzeit pakistanische Spitzenpolitiker in Washington förmlich die Klinke in die Hand. Vorige Woche war mit Präsident Pervez Musharraf der Militärmachthaber zu Gast bei George Bush. Am Mittwoch empfing der US-Präsident den gewählten, aber weitgehend machtlosen Premier Mir Zafarullah Jamali.

NEU DELHI. Am Donnerstag trifft zudem der stellvertretende US-Außenminister Richard Armitage in Islamabad ein. Im Mittelpunkt aller Gespräche steht neben dem Wunsch der USA nach Truppen für den Irak und Pakistans Bitte um Rüstungshilfe die Sicherheitslage in Afghanistan und Kaschmir.

Zumindest der Wunsch Islamabads nach mehr Finanzhilfen traf in Washington auf offene Ohren: Die USA bewilligten gestern für das kommende Jahr 388 Mill. Dollar. Davon sollen nach Angaben der US-Agentur für Internationale Entwicklungshilfe 213 Mill. Dollar in den sozialen Sektor fließen und 75 Mill. Dollar in militärische Projekte. 25 Mill. Dollar sind für den Kampf gegen Drogen angesetzt.

Musharrafs Abkehr von den Taliban nach dem 11. September, seine Unterstützung der US-Invasion in Afghanistan und die Hilfe bei der Verhaftung führender El-Kaida-Vertreter haben den Putsch-General vom internationalen Paria zum wichtigen Verbündeten der USA gemacht. Doch im schwer zugänglichen Grenzgebiet zu Afghanistan haben Talibankämpfer ein Rückzugsgebiet gefunden und können auf Unterstützung der Bevölkerung zählen. Von dort sickern sie in jüngster Zeit verstärkt nach Afghanistan ein, greifen US-Truppen an und destabilisieren so die Übergangsregierung von Hamid Karsai. Afghanistans Präsident hat sich bei Pakistan über den starken Zustrom regierungsfeindlicher Kämpfer aus dem Nachbarland beschwert – eine Anschuldigung, die Islamabad von sich weist.

Indien erhebt noch schwerere Vorwürfe: Es beschuldigt den Erzfeind, Terroristen zu unterstützen, die für eine Loslösung des indischen Teils von Kaschmir kämpfen. Im Nachbarland werden Kaschmirs Jihadis jedoch als Teil eines berechtigten Freiheitskampfes gesehen. „Die Pakistanis haben nicht verstanden, dass die Legitimation von Terroristen als Freiheitskämpfer nach dem 11. September unmöglich geworden ist,“ urteilt ein europäischer Diplomat. Als Amerikas größte Sorge gilt eine vermutete unheilige Allianz zwischen Pakistan, Nordkorea und Iran beim Vorantreiben ihrer Nuklearprogramme.

Beobachter in der Region glauben, dass die Führung in der Tat mehr gegen den Terror in Kaschmir unternehmen könnte. Andererseits sei sie ehrlich bemüht, El Kaida, Taliban und andere islamische Extremisten einzudämmen – doch die geographischen und ethnischen Gegebenheiten an der Westgrenze erschweren dies. Die Führung handelt dabei durchaus im eigenen Interesse. Schließlich hat Osama bin Ladens Stellvertreter Ayman Al Zawahiri jüngst gefordert, Pakistanis sollten den „Verräter“ Musharraf stürzen.

Pakistan ist ein armes, wackliges und tief gespaltenes Land, wo Fundamentalisten immer stärkeren Zulauf finden. Bei allen Zweifeln an seiner Verlässlichkeit steht die US-Regierung aber politischen Beobachtern zufolge weiter auf dem Standpunkt, Musharraf und Jamali seien das beste Bollwerk gegen die erstarkenden Extremisten. Zu viel Druck und zu hohe Forderungen, so die Befürchtung, könnten sie um Rückhalt in der Bevölkerung bringen.

Quelle: Handelsblatt
Oliver Müller
Handelsblatt / Korrespondent
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