Stresstest der EU

Sicherheitslücken in Kernkraftwerken

Neue Erkenntnisse in Sachen Sicherheit und Atomkraftwerke: Der Prüfbericht der EU-Kommission sieht keine direkte Gefahr für die Bürger - praktische alle Anlagen hinken aber bei der Sicherheit hinterher.
Update: 02.10.2012 - 11:36 Uhr 15 Kommentare
Das französische Atomkraftwerk Cattenom. Quelle: dpa

Das französische Atomkraftwerk Cattenom.

(Foto: dpa)

BrüsselNahezu alle Atomkraftwerke in der EU, darunter auch deutsche, weisen Sicherheitsmängel auf und sollten nachgerüstet werden. Das ist das Ergebnis der Stresstests, denen die EU-Kommission die derzeit laufenden 134 Nuklearreaktoren der Gemeinschaft unterzogen hat. Auch Jahrzehnte nach dem Unglück von Tschernobyl seien die damals weltweit vereinbarten Verbesserungen für mehr Sicherheit noch nicht überall umgesetzt, heißt es in einer Mitteilung von Energiekommissar Günther Oettinger, deren Entwurf dem Handelsblatt vorliegt.

"Praktisch alle Anlagen bedürfen verbesserter Sicherheitsmaßnahmen", lautet das Fazit der Kontrolleure. Die Kosten für eine solche Nachrüstung belaufen sich nach Schätzung Brüssels auf 30 bis 200 Millionen Euro je Reaktor, also auf zehn bis 25 Milliarden Euro für die Versorger insgesamt.

Atomkraftgegner werten die ersten durchgesickerten Ergebnisse des EU-Stresstests für Kernkraftwerke als Weckruf. Greenpeace erklärte am Dienstag, sollten sich die Ergebnisse bestätigen, müssten die Atommeiler sofort heruntergefahren werden. Bundesumweltminister Peter Altmaier (CDU) will schrittweise auf die Überprüfung der Atommeiler reagieren, die fast allen 145 europäischen Kernkraftwerken Sicherheitsmängel bescheinigt.

Altmaier sagte im Deutschlandfunk, der Umfang der Nachrüstung sei abhängig von der Laufzeit der Reaktoren. In Deutschland sollen ab 2015 weitere Atomkraftwerke abgeschaltet werden. Acht sind bereits vom Netz, neun laufen noch. Es gebe aber beispielsweise Reaktoren in Frankreich, die "noch unbegrenzt und sehr lange am Netz bleiben", sagte der Bundesumweltminister.

Nach der Atomkatastrophe im japanischen Fukushima war Oettinger von den Staats- und Regierungschefs der 27 Mitgliedstaaten beauftragt worden, die Kernkraftwerke in der EU einer umfangreichen Kontrolle zu unterziehen. Maßstab für die Prüfungen waren die Standards der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEA). In dieser Woche will das Kommissionskollegium die Prüfergebnisse beraten. Zum EU-Gipfel am 18./19. Oktober will die Kommission den Staaten dann ihre Empfehlungen präsentieren.

"Die Tests haben viele sicherheitsrelevante Bereiche, wie Risiken durch alternde Technik, überholtes Design, menschliches Versagen oder Terrorismus ausgeklammert", kritisierte die Vorsitzende der Grünen-Fraktion im EU-Parlament, Rebecca Harms. Es seien nur wenige Reaktoren besucht worden, die dann überdies nicht gründlich inspiziert worden seien: "Tausende von Rissen im Stahl belgischer Reaktoren wurden im Rahmen der Stresstests nicht entdeckt", sagte Harms.

Oettinger verteidigt Stresstests
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15 Kommentare zu "Stresstest der EU: Sicherheitslücken in Kernkraftwerken"

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  • Gibt es Stresstets über globale Stromausfaelle

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    1 Monat

    ....

    Ich glaube, fast niemand macht sich ein Bild ueber solche Folgen...

    Da kann ein "kleiner" Störfall wie ein Kindergeburtstag dagegen aussehen...

  • Ich glaube nur einer Statistik, die ich selber gefälscht habe

  • @Geolüge (16:21Uhr)
    Nun - wenn Sie es vllt. gewohnt sind, in Ihrer Position "Risiken kleinzurechnen bis es passt" dann mögen sie das mit Ihrem Gewissen ausmachen... Der Nachweis, dass an der deutschen Nordseeküste nicht einmal Tsunamis dreimal und sogar zehnmal so hoch wie paläontologisch vom sog. Storegga-Ereignis (ca. 9.000 b. Ch.) nachgewiesen die dortigen Kernkraftwerke gefährden könnten hat die in diesen Sachen hochangesehene Universtät Bremen mit den besten verfügbaren 3-dimensionalen Nordsee-Topografiemodellen ermitttelt. Steht alles in der von mir genannten Quelle. Und nun hören Sie auf, Dummschwatz zu verbreiten, wenn Sie keine vernünftigen Argumente bei der Hand haben sondern nur Greenpeace-Propaganda.

  • Auch TEPCO war der Ansicht, dass die Mauern vor dem AKW Fukushima für mögliche Tsunamis hoch genug wären! Waren sie aber nicht, wie man gesehen hat. Ich kenne aus eigener Anschauung, wie in Großunternehmen Risiken so lange klein gerechnet werden, bis es passt.

  • Sie haben anscheinend nicht im Fernsehen zugeschaut, wie die beiden Meiler in Fukushima explodiert sind?!!! Es handelte sich um Wasserstoffexplosionen.

  • Dieser sog. Stresstest ist nur bedingt aussagefähig. Denn Punkte wie, z. B. ein Flugzeugabsturz auf ein AKW oder Evakuierungspläne im Notfall wurden gar nicht untersucht. Vermutlich deshalb, weil keine Anlage die Sicherheitsanforderungen diesbezüglich erfüllen kann und sofort abgeschaltet werden müssten.

  • Hauptsache die selbst ernannten "Experten" wissen was zu tun ist. Auch wenn es danach aussieht dass die größten Risiken jenseits unserer Grenze versammelt sind.

    Aber bei diesem Thema geht es nicht um Fakten, sondern um eine Art Religion, die wie die katholische Kirche im Mittelalter die alleinige Deutungshoheit beansprucht. Einer ihrer Missionare hielt mir einmal vor, nur die Wissenden würden die Gefahren der "Verstrahlung" in Fukushima erkennen, als ihm die Argumente ausgingen.

  • akws können nicht explodieren

  • @ 'Geologe':
    Na, mit halbwegs aktuellen Erkenntnissen sind Sie aber nicht eben vertraut: Ganz genau und speziell das Tsunami-Risiko an der deutschen Nordseeküste wurde 2004 eingehend geprüft und für beherrscht befunden. Siehe 'Kerntechnik' Vol. 74 (2009), S. 132 ff.
    Darf man vermuen, dass ihre sonstigen Behauptungen ebenso daneben sind?

  • Auch die Gefahr durch Nessie und ihre Artgenossen ist nicht ausreichend betrachtet worden. Ebenso Tsunamis im Bodensee und Erdbeben durch in China umfallende Reissäcke.

    Übrigens muss die gesamte chemische Industrie in Deutschland umgehend abgewickelt werden. Die größten Industrieunfälle, nach Opferzahlen, waren Bophal und Seveso!

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