Stresstest
US-Banken müssen Milliarden beschaffen

Die US-Regierung zwingt ihre Banken offenbar zu milliardenschweren Kapitalmaßnahmen und will so das durch die Krise ins Wanken geratene Finanzsystem stabilisieren. US-Finanzminister Timothy Geithner hat nun schon erste Details der amtlichen Stresstests verkündet.

ben/HB WASHINGTON. Keine der dem sogenannten Stresstest unterzogenen US-Banken droht nach Aussage von Finanzminister Timothy Geithner die Pleite. In einer Fernsehsendung sagte der Minister am Mittwoch laut Transkript, die große Mehrheit dieser 19 Banken werde in den kommenden sechs Monaten genügend privates Kapital beschaffen können. Der Test ist ein zentraler Teil in der Strategie der Regierung von Präsident Barack Obama, mit der der Finanzsektor stabilisiert werden soll.

Die Regierung will am heutigen Donnerstag um 23 Uhr mitteleuropäischer Zeit, nachdem die Börsen geschlossen haben, das Ergebnis des Stresstests bekanntgeben. Mit dem Test soll der Kapitalbedarf festgestellt werden, den die Institute bei einer weiteren Verschlechterung der Wirtschaftskrise zum Überleben brauchen. Der Citigroup zufolge benötigt die Branche rund 75 Milliarden Dollar frisches Geld, um gegen einen mögliche weiteren Wirtschaftsabschwung gewappnet zu sein. Den höchsten Kapitalbedarf gibt es dabei für die Bank of America, die Kreisen zufolge 34 Milliarden Dollar benötigt. Dies ist in etwa die dreifache Summe, die Experten dort erwartet hatten. Die viertgrößte US-Bank Wells Fargo benötige 15 Milliarden Dollar, berichtete Bloomberg unter Berufung auf Kreise. Der Finanzdienstleister GMAC benötigt Kreisen zufolge 11,5 Milliarden Dollar. Bei der Citigroup wird mit bis zu zehn Mrd. Dollar gerechnet. Die New York Times veröffentlichte eine Liste der Banken, die die Tests durchlaufen haben sollen.

Experten schließen nicht aus, dass sich die Banken benötigtes Geld nun auch wieder per Kapitalerhöhung verschaffen können. Da sich die Kurse von Bank-Aktien in den vergangenen beiden Monaten zum Teil verfünffacht haben, ist die Ausgabe neuer Papiere nah am aktuellen Kurs wieder attraktiver geworden – eine Möglichkeit, die noch Anfang März illusorisch schien. „Die meisten werden sich Eigenkapital entweder durch Wandlung anderer Kapitalarten oder den Verkauf von Beteiligungen beschaffen“, sagte der in die Tests involvierte Notenbankchef Ben Bernanke.

Die US-Regierung setzte unterdessen den größten Banken des Landes, die weiteres Kapital benötigen, eine einmonatige Frist. Bis zum 8. Juni müssen die Geldinstitute einen von den Aufsichtsbehörden genehmigten Plan vorlegen, wie sie an zusätzliches Kapital gelangen wollen. Das teilten US-Finanzminister Geithner, Notenbankchef Bernanke und die Vorsitzende des staatlichen Einlagensicherung (FDIC), Sheila Bair, ein einer am Mittwoch veröffentlichten gemeinsamen Erklärung mit.

Darin werden auch die Bedingungen genannt, wie die 19 größten Finanzinstitute der USA wieder aus dem von der Regierung aufgelegten 700 Milliarden Dollar schweren Rettungsprogramm aussteigen können. Zu diesem Zweck muss eine Bank nachweisen, dass sie sich auch ohne Hilfe des staatlichen Notprogramms frisches Kapital beschaffen kann.

Am Beispiel von BoA kann man am besten beschreiben, wie die Institute mit den Ergebnissen vermutlich umgehen werden. Um die erwarteten 33 Mrd. Dollar zusätzliches Eigenkapital zu beschaffen, könnte BoA einen Teil der im Staatsbesitz befindlichen Vorzugsaktien im Wert von 45 Mrd. Dollar in Stammaktien und damit in Eigenkapital wandeln. Damit wäre die Regierung aber mit einem Schlag Großaktionär. Man habe aber bessere Möglichkeiten, sich Kapital zu beschaffen, erklärte dazu BoA-Organisationsvorstand Steele Alphin zuletzt in einem Interview. Experten rechnen daher damit, dass möglicherweise Teile der bei Privatiers liegenden Vorzugsaktien im Volumen von 27 Mrd. Dollar gewandelt werden. Zudem könnte das Institut Beteiligungen etwa an dem Vermögensverwalter Blackrock oder der China Construction Bank veräußern. Experten rechnen zudem damit, dass angesichts der jüngsten Erholung an den Märkten für einige Banken auch Kapitalerhöhungen am Markt möglich sein werden und die zuletzt wieder gestiegenen Gewinne die Lage verbessern.

Nach Wochen der Unsicherheit reagierte der Markt am Mittwoch positiv auf die durchgesickerten Testergebnisse. So verteuerten sich BoA-Aktien um acht Prozent auf fast zwölf Dollar. Keith Horowitz, Analyst bei der Citigroup, erhöhte sein Kursziel für die BoA-Titel sogar auf 14 Dollar. Er begründete dies mit dem Ende der Furcht vor noch größeren Kapitalmaßnahmen.

Aber es gab auch kritische Stimmen. So befürchten einige prominente Wirtschaftswissenschaftler, die Regierung habe die Ergebnisse bewusst weniger dramatisch ausfallen lassen, um den Markt nicht zu erschrecken. „Die Schlussfolgerungen des Stresstests sind zu optimistisch“, schrieb gestern Wirtschaftsprofessor Nouriel Roubini, der seit langem glaubt, dass die meisten US-Banken faktisch pleite sind.

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