Strommangel trifft das Land härter als SARS
Energiekrise bedroht Chinas Wachstum

Was das SARS-Virus nicht vermochte, das bewerkstelligt an Chinas boomender Küste eine ernste Energiekrise: Die Industrieproduktion wird von einer Stromknappheit schmerzhaft beeinträchtigt. Schanghai, Chinas Industriemetropole, hat zeitweise 1 000 Firmen den Strom abgestellt, berichtet die offizielle Zeitung „China Daily“.

SCHANGHAI. Und die Energiebehörde der südchinesischen Boomstadt Shenzhen hat eine Liste mit mehreren Hundert Firmen veröffentlicht, die in nächster Zeit jeweils für einen Tag keinen Strom erhalten werden. Schanghai bereitet eine ähnliche Liste vor. In Hefei in der Provinz Anhui werden 460 Firmen seit Ende Juli nicht mehr mit Strom beliefert. Beim Delegiertenbüro der Deutschen Wirtschaft in Schanghai gehen Briefe entsetzter Investoren ein. Die Stadtregierung schaltet nachts die Beleuchtung aus und zwingt die Behörden – trotz der größten Hitzewelle seit 60 Jahren – Klimaanlagen zu drosseln.

Im Jangtse-Delta, dem Gebiet mit der raschesten Expansion in China, herrscht eine „Elektrizitäts-Krise“, gesteht sogar die staatliche State Power Grid Corp. ein. Hier, im Großraum Schanghai, hat jedes dritte von über 1 500 deutschen Unternehmen, die in China aktiv sind, seine Zelte aufgeschlagen.

Nicht viele von ihnen haben so viel Glück wie Siemens. Der Konzern hat in Schanghai die weltweit größte Produktionsbasis außerhalb Deutschlands aufgebaut und stellt dort jährlich 14 Mill. Handys her, von denen 8,5 Mill. in den Export gehen. „Wir sind wegen des hohen Exportanteils bevorzugt und haben rund um die Uhr Strom“, sagt Peter Borger, Präsident der Siemens Shanghai Mobile Communications.

So positiv wie Borger äußern sich derzeit wenige Manager in der Region. „In Chinas Energiewirtschaft breitet sich eine Krisenmentalität aus“, schreibt die Energieberatungsagentur Cera in einem vertraulichen Newsletter an ihre Industriekunden. Cera hat ausgerechnet, dass China derzeit 10 % des landesweiten Strombedarfs nicht decken kann, und dass schon im Juni ein Verbrauch erreicht wurde, der nach dem aktuellen Fünf-Jahres-Plan erst Ende 2005 erwartet wurde. Im Klartext: Die Regierung hat das Wachstum des Landes krass unterschätzt.

Chinas Zeitungen machen die Hitzewelle für das Problem verantwortlich. Doch Analysten verweisen auf andere gravierende Gründe. So hat die schlimmste Trockenheit seit einem halben Jahrhundert die Leistung zahlreicher Wasserkraftwerke reduziert. Mehr noch: Verzögerungen bei der Reform des Energiesektors haben Verunsicherung erzeugt, so dass viele Provinzen mit dem Bau neuer Kraftwerke zögern. Resultat: Wasser- und Energiemangel erweisen sich für China als eine wachsende Bedrohung, die viel verheerender als SARS wirkt.

Symptomatisch für diese Entwicklung ist das Gerangel um Chinas größtes laufendes Energieprojekt, eine 4100 Kilometer lange Gas- Pipeline von Xinjiang im äußersten Westen des Landes nach Schanghai. Die Pipeline soll schon ab Oktober Gas liefern und ab 2007 den energiehungrigen Osten Chinas mit 12 Mrd. Kubikmetern pro Jahr versorgen. Doch Kraftwerke und Industriekunden, die das Gas abnehmen sollen, wollen den hohen Preis von 1,31 Yuan pro Kubikmeter nicht akzeptieren. Deshalb steht der Betreiber der Pipeline, Chinas größter Ölmulti PetroChina, bislang ohne Kunden da. Die Multis ExxonMobil, Shell und Gazprom, die sich jeweils mit 15 % an dem Pipeline-Joint-Venture beteiligen wollen, verhandeln seit einem Jahr über einen Vertrag, der nun zu platzen droht. „Diese Pipeline wird für einige Zeit viel leerer sein als alle denken“, sagen Analysten.

PetroChina hat sich mit seinen westlichen Partnern bei den Joint-Venture-Verhandlungen zerstritten. Am liebsten würde das Unternehmen die Verhandlungen abbrechen, drei Viertel der Pipeline sind ohnehin fertig gestellt. Doch Chinas Regierung will das um jeden Preis verhindern, denn ExxonMobil hat einen guten Draht nach Washington. Und mit den USA will China es sich nicht verderben.

„Das ist das schwierigste Projekt in ganz China“, erläutert ein Chemiemanager. PetroChina ist mit 4,6 Mrd. Euro Nettogewinn im vergangenen Jahr einer der größten Steuerzahler im Land. Das Unternehmen führt mit der Zentralregierung nach Aussagen westlicher Analysten über das Pipeline-Projekt einen harten Machtkampf, der „an russische Verhältnisse“ erinnert. „PetroChina hat so viel Macht, dass die Behörden es kaum kontrollieren können“, sagt der von westlichen Unternehmen engagierte Analyst.

Der Streit um das Projekt hat direkte Auswirkungen für die deutsche Wirtschaft im Großraum Schanghai, wo allein BASF, Bayer und Thyssen-Krupp für zehn Mrd. Euro Investitionen eingeleitet haben. Die BASF wäre einer der größten Gas-Abnehmer, weil sie im ostchinesischen Nanjing für 3 Mrd. Euro einen riesigen Verbundstandort aufbaut. Bei Chemiefabriken macht der Strompreis bis zu 20 % der Gesamtkosten aus.

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