_

Strukturelles Defizit: EU scheut vor Maßnahmen gegen Ungarn zurück

Ungarn reitet sich immer tiefer in die Bredouille. Die Sparanstregungen reichen nicht,  die  Innenpolitik   wird immer repressiver . Doch die dänische EU-Ratspräsidentschaft scheut ein offenes Wort.

„Es ist nicht die Sache der Präsidentschaft, sich als Richter über andere Staaten aufzuspielen“, sagte der dänische Außenminister im Fall Ungarn. Quelle: dpa
„Es ist nicht die Sache der Präsidentschaft, sich als Richter über andere Staaten aufzuspielen“, sagte der dänische Außenminister im Fall Ungarn. Quelle: dpa

KopenhagenDie dänische EU-Ratspräsidentschaft will sich nicht dafür stark zu machen, Ungarn angesichts seiner autoritären Innenpolitik das Stimmrecht im Rat zu entziehen. „Es ist nicht die Sache der Präsidentschaft, sich als Richter über andere Staaten aufzuspielen“, sagte der dänische Außenminister Villy Soevndal vor Journalisten in Kopenhagen. Er sieht vielmehr die Kommission in der Pflicht: „Sie ist die Hüterin der Verträge. Und als solche muss sie prüfen, ob Ungarns Vorgehen mit europäischem Recht übereinstimmt.“

Anzeige

Die Kommission will ihre Untersuchung bis zum kommenden Dienstag abschließen und dann entscheiden, ob sie ein Vertragsverletzungsverfahren gegen Budapest einleiten wird. Man habe ernste Bedenken, was die Wahrung von Rechtsstaatlichkeit, Demokratie und Grundrechten angehe, sagte eine Sprecherin der Behörde. Wenn nötig, schrecke man nicht davor zurück, alle notwendigen Rechtsmittel ausschöpfen.

Fest steht seit Mittwoch, dass Brüssel ein Defizitverfahren gegen Ungarn vorantreibt.  Zwar habe das Land die Defizitgrenze von drei Prozent der Wirtschaftsleistung im vergangenen Jahr eingehalten. Diese Leistung beruhe aber ausschließlich auf Sondereffekten, teilte die Behörde mit. Das strukturelle Defizit, bei dem Sondereffekte ausgeblendet sind, habe sich deutlich verschlechtert. „Unter dem Strich war die Defizitverminderung 2011 nicht nachhaltig“, lautet das Fazit der Brüsseler Wirtschaftsprüfung.

Osteuropa

Nach den seit Anfang des Jahres geltenden  Regeln des sogenannten Sixpacks für mehr Budgetdisziplin können die Finanzminister auf Vorschlag der Kommission nun feststellen, dass Ungarn keine ausreichenden Anstrengungen unternommen hat, um die Verschuldung unter die Drei-Prozent-Marke zu bringen. Das ermöglicht der Kommission, Budapest Vorschläge für mehr Spareffizienz zu unterbreiten. Geldstrafen muss Ungarn jedoch nicht fürchten, da das Land nicht der Eurozone angehört. Brüssel  könnte im Extremfall  allerdings Fördergelder vorrübergehend aussetzen .Darauf  wies Währungskommissar Olli Rehn hin.

Ungarn ist in massiven finanziellen Schwierigkeiten und deshalb auf weitere Hilfen seitens der EU und des IWF angewiesen. Brüssel will Budapest aber nur unter die Arme greifen, wenn die rechtskonservative Regierung unter Victor Orban ihren repressiven innenpolitischen Kurs ändert. Zuletzt war sie in die Kritik geraten, weil sie versucht, die Unabhängigkeit der Notenbank einzuschränken.  

Im Europäischen Parlament werden inzwischen Stimmen laut, Ungarn nötigenfalls das Stimmrecht im Europäischen Rat zu entziehen. „Der Entzug des ungarischen Stimmrechts im Rat ist die einzige Möglichkeit, Ungarn den Ernst der Situation vor Augen zu führen und keinen Zweifel an dem Demokratiewillen der EU zu lassen“, sagte Alexander Alvaro, Präsidiumsmitglied der FDP und innenpolitischer Sprecher der FDP im Europäischen Parlament.

„Die demokratischen Kräfte innerhalb der ungarischen Regierung sollten die Verteidigung des machthungrigen Ministerpräsidenten nicht weiter fortsetzen, sondern ihm den Rücktritt nahelegen. Dies würde Ungarns Zukunft den größten Gefallen tun und die Isolation des Landes innerhalb der europäischen Familie am schnellsten beenden“, betonte Alvaro.

  • Video

Politik Bundestag stärkt Organspende

Krankenversichterte ab 16 Jahren werden in Zukunft häufiger gefragt, ob sie Organspender werden wollen. Dieses Gesetz hat der Bundestag mit großer Mehrheit verabschiedet - und noch einige weitere Entscheidungen gefällt.

  • Die aktuellen Top-Themen
Die Linke: Ulrich Maurer greift Parteispitze an

Ulrich Maurer greift Parteispitze an

In der Linken mehrt sich der Protest gegen die Parteispitze und den Zustand der Partei. Fraktionsvize Ulrich Mauer fordert eine radikale Verjüngungskur - und mehr Frauen. Denn in diesem Punkt hapert es gewaltig.

Gastkommentar: Die CDU muss weiter nach links rücken

Die CDU muss weiter nach links rücken

Nach der NRW-Wahl muss die Union neue Prioritäten setzen: Sie muss auf die Sorgen der Menschen reagieren. Sonst verliert sie noch mehr Vertrauen - und ihren Status als Volkspartei.

Studie: Bei Übernahmeschlachten gewinnt der Verlierer

Bei Übernahmeschlachten gewinnt der Verlierer

Wenn zwei Unternehmen um ein anderes streiten, bedeutet das oft nicht Gutes für den Gewinner. Denn bei Übernahmen können die Sieger die Erwartungen oft nicht erfüllen. Profiteur ist - der Verlierer.

Handelsblog Feuert die Dicke Bertha in die falsche Richtung?

Ein Kernproblem im Euro-Raum ist, dass es in den Krisenstaaten einen gefährlichen Link gibt zwischen dem Bankensystem und den Staatsfinanzen dieser Länder. Geldinstitute in Griechenland, Spanien, Irland und anderen Ländern stehen mit dem... Von Olaf Storbeck. Mehr…

Handelsblog Das Versagen von Bayern München, ökonomisch erklärt

Der Ausgang des Champions-League-Finales ist nicht nur peinlich für die Bayern, sondern auch für mich persönlich. Ausgehend vom Marktwert der Spieler hatte ich prognostiziert, dass Bayern gewinnen wird - weil die Mannschaft rund 30% mehr... Von Olaf Storbeck. Mehr…

  • Konjunkturtermine
Konjunkturtermine: Wochenvorschau

Wochenvorschau

Die wichtigsten Ereignisse und Indikatoren in Europa und International