Studentenproteste in London
Vizepremier Clegg - der Buhmann der Nation

Er hat es schnell geschafft, den früheren Premier Tony Blair als meistgehassten britischen Politiker abzulösen. Für rund 30 000 Studenten, die am Donnerstag in London gegen die Verdoppelung der Studiengebühren demonstrierten, ist der Vizepremier der neuen konservativen Regierung der Buhmann. Trotzdem hält Nick Clegg an seinem Kurs fest.
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LONDON. Viele Studierende hatten sich am Donnerstag Clegg-Masken aufgesetzt, auf denen "Lügner" stand, manche verbrannten Clegg-Puppen.

Der 43-jährige Liberaldemokrat muss inzwischen sogar um die Sicherheit seiner Kinder fürchten. Bevor am Donnerstag Abend die Studenten versuchten, nach der Abstimmung über die Gebühren das Parlament zu stürmen, erklärte Labour-Oppositionschef Ed Miliband: "Für die Liberaldemokraten ist dies der Tag des jüngsten Gerichts."

Clegg hat einen beispiellosen Absturz hinter sich. Vor ein paar Monaten, im Wahlkampf, wurde er noch als populärster Politiker und der Mann gefeiert, der Großbritanniens politische Kultur verändern würde. Politische Beobachter spekulierten, ob die Liberaldemokraten (Libdems) stärker als die abgewählte Labour-Partei abschneiden würden. Doch dann waren es nur 23 Prozent der Stimmen. Immerhin war den konservativen Tories der Sieg verdorben. Clegg führte seine Partei zum ersten Mal seit 80 Jahren wieder in die Regierungsverantwortung - an der Seite der vielen Libdems verhassten Tories.

Jetzt sieht es so aus, als bliebe von dieser Glanzzeit nur ein Scherbenhaufen übrig. Inzwischen droht sogar die Partei auseinanderzubrechen. Denn die Hälfte der Liberaldemokraten ist gegen die Gesetzesvorlage, nachdem sich die Partei im Wahlkampf gegen die Erhöhung gewandt hatte.

Die Studiengebühren sind zum Kristallisationspunkt für die Proteste der Briten gegen die Sparmaßnahmen der Regierung geworden. Im Mittelpunkt der Kritik stehen aber weniger die Konservativen hinter Premier David Cameron, sondern vielmehr die Libdems, die sich seit Eintritt in die Regierung nie für einen klaren Kurs entschieden haben. Verzweifelt hatten Clegg und sein Parteikollege Wirtschaftsminister Vince Cable versucht, die politische Katastrophe abzuwenden und die Partei bei den Studiengebühren wieder auf einen gemeinsamen Nenner zu bringen - vergeblich. Das neue System sei sogar gerechter, argumentierte Clegg, der einst für das linke Wochenmagazin "The Nation" in New York arbeitete.

Der studierte Archäologe und Anthropologe fand jedoch kein Gehör. "Wir werden dafür sorgen, dass die Liberaldemokraten bei der nächsten Wahl bestraft werden", warnte am Donnerstag Studentenführer Aaron Porter. In einer Meinungsumfrage sind die Libdems auf acht Prozent abgesunken, ihr schlechtestes Ergebnis seit 20 Jahren. Aber Clegg nannte die Studenten am Donnerstag "Träumer". Auf die Frage, ob er sich nicht schäme, sein Versprechen zu brechen, sagte er: "Ich würde mich schämen, wenn ich, statt in der Wirklichkeit zu handeln, nur von einer Welt träumen würde, wie ich sie gerne hätte."

Matthias Thibaut ist Korrespondent in London.
Matthias Thibaut
Handelsblatt / Korrespondent

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