Studie analysiert Troika-Vorgaben
„Sparpolitik bedroht Hunderttausende Griechen“

Der Sparkurs, den Griechenland im Gegenzug für Finanzhilfen fahren muss, hat die Einkommen in dem Krisenland drastisch einbrechen und die Armut ansteigen lassen. Wie stark und mit welchen Folgen, zeigt eine neue Studie.
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BerlinWie sehr die Sparpolitik Griechenland schon zugesetzt hat, zeigen die jüngsten Versuche der Regierung in Athen, gegenzusteuern und den Bürgern Entlastung zu verschaffen. Am Mittwoch billigte das Parlament ein Gesetz zur Unterstützung der notleidenden Bevölkerung. Für humanitäre Maßnahmen sind dabei etwa 200 Millionen Euro vorgesehen.

Dabei geht es um Strom und Essensmarken für mittellose Menschen und um die Möglichkeit für säumige Schuldner, mit bis zu 100 Raten ihre Schulden an den Staat und die Rentenkassen zu begleichen. Auch wenn die Hilfen sogleich heftige Kritik der Kontrolleure der Geldgeber auslösten,  den Bürgern dürften sie zumindest etwas Erleichterung verschaffen. Die Regierung unter Ministerpräsident Alexis Tsipras erklärte am Mittwoch, die Unterstützung der Bevölkerung sei Teil der Vereinbarung, die Athen mit den Partnern im Euro-Land am 20. Februar unterzeichnet habe.

Die generelle Not der Griechen können die Maßnahmen freilich nicht abfedern. Dazu hat der Austeritätskurs, den das hoch verschuldete Griechenland einschlagen musste, um im Gegenzug Finanzhilfen von den internationalen Partnern zu bekommen, zu große Verwerfungen nach sich gezogen. Das geht aus einer heute veröffentlichten Studie im Auftrag des Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) in der Hans-Böckler-Stiftung hervor.

Demnach hat die Sparpolitik in Griechenland die Einkommen der privaten Haushalte in dem Krisenland drastisch einbrechen und die Armut ansteigen lassen. Im Schnitt sind die nominalen Bruttoeinkommen der griechischen Privathaushalte in nur vier Jahren von 2008 bis 2012 um ein knappes Viertel gesunken, errechneten die Studienautoren Tassos Giannitsis und Stavros Zografakis. Lohnkürzungen hätten knapp die Hälfte dieses Rückgangs verursacht. Aus Sicht der Experten fielen die Kürzungen weit umfassender aus als nötig gewesen wäre, um die internationale Wettbewerbsfähigkeit der griechischen Wirtschaft zu stärken.

Die Nettoeinkommen seien um weitere fast neun Prozent gefallen, weil die Steuerbelastung deutlich erhöht worden sei, heißt es in der Untersuchung weiter. Zwar hätten alle sozialen Schichten durch Kürzungen, Steuererhöhungen und Wirtschaftskrise beträchtlich an Einkommen eingebüßt. Besonders stark seien aber Haushalte mit niedrigem und mittlerem Einkommen betroffen. „Das liegt unter anderem am starken Anstieg der Arbeitslosigkeit und an Steuererhöhungen, die teilweise regressiv wirkten“, erläutern die Autoren. Zudem hätten Beschäftigte in der Privatwirtschaft insgesamt deutlich höhere Einkommensverluste erlitten und seien stärker von Arbeitslosigkeit bedroht gewesen, als die Beschäftigten im öffentlichen Sektor.

Für Gustav Horn, wissenschaftliche Direktor des IMK, liefert die Untersuchung auf repräsentativer Datenbasis „die Chronik eines angekündigten Desasters“. Die nüchternen Zahlen zeigten, wie Millionen Menschen in Griechenland „durch eine überharte und sozial völlig unausgewogene Austeritätspolitik wirtschaftlich abgestürzt sind“, sagte Horn. „Hunderttausende sind in ihrer Existenzgrundlage bedroht, weil die von der Troika aus EU, EZB und IWF geforderte und von den bisherigen Regierungen sehr kurzsichtig und zum Teil interessengeleitet umgesetzte Sparpolitik kaum soziale Abfederung kannte.“

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  • @ Feiden
    ich verstehe Ihre Kritik sehr gut. Ich habe auch geschrieben, dass es keine Lösung gibt, die allen gerecht wird. Entgegen Ihrem Kommentar ist es natürlich so, dass auch in meinem Vorschlag (nahezu) alle belastet werden (inkl. EU-Beamter, Politiker etc.) Auch Aktienbesitzer (die Inhaber des Unternehmens sind) werden entgegen Ihrer Aussage belastet. Es wird kein gerechtes Modell geben um die Schulden zu begleichen. Momentanes Ziel ist es doch, auf eine Inflation zu hoffen, die die Schulden langfristig entwertet. Zahlen werden dies die ca. 90 % der Leute, die über keine bzw. kein nennenswertes Vermögen verfügen. Sofern jemand über 1.000.000 € Vermögen verfügt (egal in welcher Form investiert) und sich dann sorgen macht, er könne davon 250.000 € verlieren (oder müsste dann einen Kredit über 250.000 € aufnehmen) sollte sich bewusst sein, dass er immer noch mehr besitzt als 98 % der gesamten Bevölkerung. Und wenn er dann immer noch Angst davor hat, sollte er sich aus meiner Sicht fragen, ob er noch alle Tassen im Schrank hat. Ich habe von Ihnen noch keinen Vorschlag gehört, wie das Problem zu lösen ist.

  • Die sozialen Verhaeltnisse in Griechenland sin unertraeglich und muessen verbessert werden. Das sehe ich auch so.
    Der von Griechenland geforderte Schuldenschnitt wird dies erreichen?
    Sicher nicht - darauf ist die Verhandlungsposition der griechischen Regierung aber ausgelegt. Europa soll am Ende bezahlen und Griechenland bleibt im Euro.
    Das ist das Wahlversprechen und die einzige Verhandlungsstrategie Athens, allen anderen Aussagen zum Trotz.
    Dies wird aber weder die deutsche Waehlerschaft noch andere Laender auf Dauer mittragen.
    Langfristig gibt es aus meiner Sicht nur eine Loesung:
    Griechenland scheidet geregelt aus dem Euro aus, wird mit einer schwaecheren Drachme mit der Zeit wieder wettberwerbsfaehiger und erhaelt dafuer ein Zugestaendis beim Schuldenschnitt.
    Dies sollte die Verhandlungstrategie Europas und Frau Merkels sein.

  • Forscher sprechen von „hochproblematischen Unwuchten“
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    Die einzige "hochproblematische Unwucht", die ich erkennen kann, ist die Tatsache, dass sich der griechische Staat und seine Bevölkerung in geradezu obszöner weise über alle Maßen und über jede menschliche Vernunft bis über die Hutschnur verschuldet haben - auf unsere Kosten. Und nun, wo die Party endgültig vorbei ist, werden sie noch anmaßender und erpressen uns ganz ungeniert, damit wir ihre Schulden übernehmen sollen. Charakterloser und unmoralischer geht es nicht mehr. Schmeißt sie raus aus dem Euroverbund - und meinetwegen auch aus der EU, sie haben sich den Rausschmiss redlich verdient!

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