Studie Junge Europäer misstrauen der Politik

Politikverdrossen und skeptisch gegenüber Institutionen: So ticken viele Jungeuropäer laut einer Studie. Doch ganz so leicht lässt sich die „Jugend von heute“ nicht in eine Schublade stecken.
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Viele junge Europäer misstrauen der Politik – wollen aber auch etwas daran ändern. Quelle: dpa
Misstrauen

Viele junge Europäer misstrauen der Politik – wollen aber auch etwas daran ändern.

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BerlinEs sind alarmierende Ergebnisse: Die meisten jungen Menschen in Europa haben einer Studie zufolge kein Vertrauen in die Politik. Auch Institutionen und Medien kommen bei den 18- bis 34-Jährigen nicht gut weg, wie die am Mittwoch veröffentliche Jugendstudie „Generation What?“ der europäischen Rundfunkanstalten feststellt.

So gaben 82 Prozent der Befragten an, wenig bis gar kein Vertrauen in die Politik zu haben. 45 Prozent erklärten dabei, sie hätten „überhaupt kein“ Vertrauen. In Deutschland ist die Lage vergleichsweise weniger dramatisch: Lediglich 23 Prozent der jungen Leute hier misstrauen der Politik völlig – das ist der niedrigste Wert im Europavergleich.

Am stärksten unterscheiden sich die jungen Menschen in der Bundesrepublik hier von denen in Frankreich (62 Prozent) und in Italien (60 Prozent). In den beiden Ländern misstrauen zwei Drittel der Politik völlig. Getoppt wird das nur noch von den jungen Leuten in Griechenland: In dem stark verschuldeten Land sind es 67 Prozent.

„Stotter-Start“ ist immer öfter die Regel
Wie viele Junge gibt es überhaupt in der alternden Gesellschaft?
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Mit 22 Millionen ist nach einem stetigen Abwärtstrend seit 1991, etwas mehr als jeder Vierte in Deutschland jünger als 27 Jahre. Nach einem Tiefststand 2013, ist die junge Bevölkerung aber wieder leicht angestiegen – vor allem wegen der hohen Zuwanderung.

Wie sehen junge Menschen die politischen Verhältnisse?
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2015 zeigten sich 73 Prozent der 12- bis 25-Jährigen mit der Demokratie in Deutschland zufrieden. 2010 waren es nur 63 Prozent. In Ostdeutschland waren es zuletzt aber nur 54, im Westen 77 Prozent. Das ist das Ergebnis einer aktuellen Studie der Arbeitsgemeinschaft für Kinder- Jugendhilfe.

Engagiert sich die Jugend überhaupt noch für die Gesellschaft?
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Ja - sogar in steigendem Maß. In Gruppen mit konkreten Anliegen etwa in Gesellschafts- oder Umweltfragen waren 2010 fast 25 Prozent der Unter-29-Jährigen aktiv. 2002 waren es 17 Prozent. Jugendliche zwischen 14 und 19 Jahren sind laut Kinder- und Jugendhilfe die am stärksten ehrenamtlich engagierte Gruppe. Mit Skepsis sehen viele die offizielle Politik, möchten Änderungen: So wünschen sich 85 Prozent der 15- bis 25-Jährigen mehr junge Leute in der Politik.

Verheiratete Eltern mit Kindern unter einem Dach - normal?
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Bei weitem nicht immer. 35 Prozent aller Kinder in Deutschland kommen in nicht-ehelichen Gemeinschaften zur Welt. 2,3 Millionen der Unter-18-Jährigen leben bei einem alleinerziehenden Elternteil, meist der Mutter.

Was ist das Hauptrisiko für junge Leute?
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Armut und Ausgrenzung - so sehen es die Jugendhelfer. 3,7 Millionen - mehr als jeder Vierte - seien von Armut bedroht. Ihre Familien haben deutlich weniger Einkommen als der Durchschnitt oder können sich Dinge des täglichen Lebens nicht leisten, die für andere ganz normal sind. Viele wachsen bei Eltern ohne Berufsausbildung oder Job auf.

Bildung ist der Schlüssel fürs Fortkommen - wie ist da die Lage?
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Oft gut - aber abhängig vom Elternhaus. Während die Zahl der Auszubildenden auf zuletzt 1,34 Millionen abnahm, legte die Zahl der Studenten auf 2,8 Millionen zu. Viele studieren auch im europäischen Ausland: zuletzt mehr als 107 000, noch 2004 waren es erst 40 000. Es gibt mehr Abiturienten und weniger Hauptschüler. Und fast 95 Prozent der Über-3-Jährigen besucht eine Kita, bei den Jüngeren ist es jeder Dritte. Die Zahl der Unter-3-Jährigen in der Kindertagesbetreuung hat sich in den vergangenen zehn Jahren mehr als verdoppelt. Schlechtere Bildungschancen haben tendenziell diejenigen aus Elternhäusern mit niedrigen Bildungsabschlüssen und ausländischen Wurzeln.

Wie gelingt den jungen Leuten der Übergang in den Beruf?
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„Stotter-Start“ – das ist laut Arbeitsgemeinschaft für Kinder- und Jugendhilfe für viele eher die Regel als die Ausnahme. Bis junge Leute finanziell auf eigenen Beinen stehen, dauere es teilweise weit bis ins Erwachsenenalter. Befristete Jobs und niedrige Gehälter seien gerade bei ihnen weit häufiger anzutreffen.

Bei ihren Angaben stützt sich die Arbeitsgemeinschaft für Kinder- und Jugendhilfe auf eine Analyse der Arbeitsstelle Kinder- und Jugendhilfestatistik in einem Forschungsverbund des Deutschen Jugendinstituts und der TU Dortmund sowie auf den Bildungsbericht 2016 und den 15. Kinder- und Jugendbericht.

Bei den Institutionen kommen religiöse am schlechtesten weg: Mehr als jeder zweite (58 Prozent) junge Europäer vertraut den christlichen Kirchen und anderen Religionsgemeinschaften nicht, weitere 23 Prozent sind skeptisch. Durchschnittlich sprechen ihnen nur drei Prozent ihr volles Vertrauen aus.

Das wird von der Medienlandschaft sogar noch unterboten. Hier sind es durchschnittlich nur zwei Prozent, die völlig hinter den Medien in ihrem Land stehen. Dagegen haben 39 Prozent gar kein Vertrauen, 41 Prozent sind skeptisch. „Vor dem Hintergrund, dass die Glaubwürdigkeit der Medien essenziell für einen demokratischen Staat ist, sind diese niedrigen Vertrauenswerte alarmierend“, schreiben die Sozialforscher vom Sinus-Institut, die die Studie ausgewertet haben.

Auch die EU schneidet bei der Onlineumfrage eher schlecht ab: 59 Prozent haben kein oder nur geringes Vertrauen in Europa. Gleichzeitig wollen aber 71 Prozent der jungen Leute, dass ihr Land EU-Mitglied bleibt. „Trotz ihrer Fehler wird die Europäische Union von dem Großteil der jungen Europäer als nützlich für das eigene Land wahrgenommen“, heißt es in der Studie.

Dass Misstrauen und Politikverdrossenheit nicht gleich Gleichgültigkeit bedeutet, zeigen die Resultate auch. Knapp jeder Dritte (31 Prozent) könnte es sich vorstellen, in einer politischen Organisation aktiv zu werden. Mit 44 Prozent ist die Bereitschaft in Deutschland mit Abstand am Höchsten. Mehr als die Hälfte (51 Prozent) der Jungeuropäer würden sich in einer Nichtregierungsorganisation (NGO) engagieren. Bei den 18- bis 19-Jährigen sind es sogar 61 Prozent.

Die Untersuchung „Generation What?“ wurde in Deutschland vom Bayerischen Rundfunk, dem SWR und dem ZDF begleitet. International koordiniert wurde die Befragung von der Europäischen Rundfunkunion (EBU). Darin ging es neben Politik unter anderem auch um Familie, Arbeit und Lebensglück.

  • dpa
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