Südafrika
Die Eiserne Lady vom Tafelberg

Helen Zille ist die mächtigste weiße Frau in Südafrika: Die Bürgermeisterin Kapstadts kämpft für ein Land, in dem die Hautfarbe keine Rolle spielt; die einstige Reporterin und Vorsitzende der größten Oppositionspartei hat ihr Leben dem Kampf gegen Rassismus und Apartheid verschrieben – nun hat der in Südafrika regierende ANC sie zum Feindbild erkoren.

KAPSTADT. Eben noch hat die Dame im roten Mantelkleid ganz entspannt auf dem Sofa in ihrem Empfangszimmer gesessen. Jetzt springt die zierliche, blonde Frau plötzlich auf und eilt in ihr nebenan gelegenes Büro. Mit Stift und Papier kehrt sie zurück. „Sagen Sie mir noch ein paar weitere Dinge, die Ihnen an Kapstadt zuletzt aufgefallen sind“, drängt sie den Besucher. Dabei ist der eigentlich gekommen, um der Bürgermeisterin von Kapstadt selber ein paar Fragen zu stellen. Doch die will davon zumindest jetzt nichts wissen. Morgen steht ein Treffen mit der Kapstädter Metro-Polizei auf dem Programm. „Da brauche ich noch etwas Munition“, schmunzelt sie.

Von ihrem Panoramafenster im sechsten Stock aus schaut Helen Zille direkt auf den majestätischen Tafelberg, der wie eine Front aus grauem Fels den Innenstadtbereich von den schwarzen Townships auf den Kapebenen abgrenzt. Doch statt die spektakuläre Aussicht zu genießen, schaut die Bürgermeisterin der WM-Stadt 2010 und führende Oppositionspolitikerin lieber in ihre Akten. Den Bau des neuen Fußballstadions in Kapstadt hatte Zille zeitweise auf Eis gelegt – nicht weil sie die Fußballfans ärgern wollte, sondern weil sie den hohen Finanzierungsanteil der Stadt schon für Sozialausgaben verplant hatte.

Bei Helen Zille ist eben vieles anders, ob sie nun unpopuläre Entscheidungen trifft oder nur ein ganz normales Interview führt. Die deutschstämmige Südafrikanerin ist das, was man eine schillernde Figur nennen könnte. Die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel wird sich in Kürze davon überzeugen dürfen. Merkel ist seit gestern auf Afrika-Reise, die sie über Äthiopien und Liberia auch nach Südafrika führt. Dort wird sie feststellen, dass Helen Zille nicht nur interessante Wurzeln hat, sondern auch ein so ehrgeiziges wie gnadenlos optimistisches Ziel verfolgt: ein farbenblindes Südafrika.

Zille will nicht gefragt werden, sie will diskutieren. Sie ist mit Leib und Seele Journalistin geblieben. Dabei ist es mittlerweile 30 Jahre her, dass sie als Reporterin bei der legendären „Rand Daily Mail“ eine Sensation enthüllte: Als Erste berichtete sie im September 1977, dass der Schwarzenführer Steve Biko nicht etwa an den Folgen eines Hungerstreiks verstorben war, wie es offiziell hieß, sondern von der Sicherheitspolizei in der Haft zu Tode geprügelt wurde. Jahrelang war Zille auch später noch im Antiapartheidskampf aktiv und versteckte sogar Mitglieder des damals verbotenen Afrikanischen Nationalkongresses (ANC) im eigenen Haus.

Umso ironischer mutet es an, dass ausgerechnet sie drei Jahrzehnte später zum Feindbild des nun in Südafrika regierenden ANC mutiert ist. Zille, die im Mai zur neuen Vorsitzenden der liberalen Democratic Alliance (DA), Südafrikas größter Oppositionspartei, gewählt wurde, hat das geschafft, was vor ihr noch keinem anderen am Kap gelungen ist: Im März letzten Jahres entriss sie dem übermächtigen ANC in Kapstadt die Macht und wurde Bürgermeisterin der Küstenmetropole. Dabei gelang ihr das Kunststück, eine Koalition aus sechs ideologisch völlig unterschiedlichen Parteien hinter der DA einzuschwören – und bis heute zusammenzuhalten.

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