Südafrika
Kgalema Motlanthe: Mann des Ausgleichs

Nur vier Tage nach der Entmachtung von Staatschef Thabo Mbeki durch die eigene Partei hat das südafrikanische Parlament mit Kgalema Motlanthe den stellvertretenden Parteivorsitzenden des regierenden ANC zum neuen Präsidenten gewählt. Allerdings wird dieser das höchste Staatsamt wohl nur bis zur nächsten Wahl spätestens Juli 2009 bekleiden. Dann dürfte Parteichef Jacob Zuma das Amt übernehmen.

KAPSTADT. Kgalema Motlanthe gilt als Mann des Ausgleichs. Dem langjährigen Generalsekretär des ANC wird ein hohes organisatorisches Geschick, aber auch ein Talent als Schlichter nachgesagt – Fähigkeiten, die er gerade jetzt gut gebrauchen kann, um den ANC nach dem erbitterten Machtkampf zwischen Zuma und Mbeki neu zu vereinen.

Motlanthe sucht stets den Konsens. Dennoch erhofft sich der linke Flügel des ANC von dem ehemaligen Gewerkschaftsführer eine bessere Durchsetzung seiner Forderung nach einer populistischeren Wirtschaftspolitik. Bislang hat Motlanthe sich stets mit Erfolg gegen Forderungen gewehrt, die er als überzogen und damit als gefährlich für das Land betrachtete. Schon zu seiner Zeit als Gewerkschaftsführer wurde er deshalb von den Arbeitgebern am Kap als pragmatisch und balanciert gelobt.

Motlanthe war es auch, der Südafrikas Geschäftswelt in den vergangenen Monaten immer wieder versicherte, dass der ANC auch unter Zuma keine radikalen Wirtschaftsexperimente plane – und auch an dem in der Wirtschaft beliebten Finanzminister Trevor Manuel festhalten will.

Die eher konservative Wirtschaftspolitik des ANC unter Mbeki trug der Sozialdemokrat stets mit. Dies verschaffte ihm derart großen Respekt, dass Motlanthe bis zuletzt als möglicher Kompromisskandidat zwischen dem linken und rechten ANC-Flügel gehandelt wurde. Sollte der designierte Präsident Jacob Zuma sein Amt im nächsten Jahr nicht antreten, könnte deshalb aus dem Mann des Übergangs durchaus ein „richtiger“ Präsident werden.

Zuvor wird der 59-jährige Vater dreier Kinder mit dem kleinen Kinnbart jedoch eine Partei aussöhnen müssen, die sich schwer zerschlissen und darüber das mühselige Tagesgeschäft vergessen hat. Seine guten Referenzen aus dem Widerstandskampf dürften Motlanthe dabei zugute kommen: Zwischen 1977 und 1987 saß er auf der Sträflingsinsel Robben Island ein – fünf Jahre davon mit Nelson Mandela. Seinen Wissenshunger stillte der Sohn eines Büroboten und einer Wäscherin durch ein Fernstudium an der Universität von Südafrika. „Ohne eine gute Kenntnis der Finanzwelt“, sagt er, „könnte ich mein Ziel nach größerer sozialer Gerechtigkeit nie umsetzen“.

Wie sehr ihm neben der Aussöhnung der Partei auch an der des Landes gelegen ist, zeigte sein jüngster Auftritt an der Universität von Stellenbosch, der Kaderschmiede des Burentums. Zur Verblüffung der Zuhörer sprach Motlanthe dort ganz offen davon, künftig mehr Weiße für die von Mbeki viel zu schnell umgekrempelte und nun sehr ineffiziente Staatsverwaltung anwerben zu wollen. Unter Mbeki wäre allein schon ein solcher Gedanke ketzerisch gewesen.

Wolfgang Drechsler
Wolfgang Drechsler
Handelsblatt / Korrespondent
Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%