Südamerika
Kontinent der Ungleichheit

Die Voraussetzungen sind da: Südamerika ist ein ergiebiger Kontinent, der Grundlage für eine gesunde Wirtschaft bieten könnte. Dennoch krankt es an allen Ecken und Enden. Die Reichen blenden die Realität aus, die Armen vegetieren in schlimmsten Zuständen dahin. Und auch wenn die Zeit der Diktaturen vorbei ist – die neuen Regierungen müssen noch viel lernen.

Ein südamerikanisches Oberschichtenkind lebt in einem stark gesicherten „Barrio“ mit hohen, stacheldrahtbewehrten Mauern und privaten, martialisch bewaffneten Wachleuten. Morgens und abends wird es vom Chauffeur in die private Schule gefahren und danach zum Ballett, zum Klavierunterricht oder zum Tennis. Später einmal studiert es an einer privaten oder auch an einer staatlichen Universität. Die staatlichen sind zwar gratis, doch sind die Privilegierten selbst dort weitgehend unter sich: Abgänger von öffentlichen Schulen haben praktisch keine Chance, zur Uni zugelassen zu werden, das Niveau der Schulen ist einfach zu schlecht.

Wenn die Kapazität der grauen Zellen es zulässt, wird das Oberschichtenkind nach dem lokalen Abschluss zudem noch zu einem Masterprogramm in die USA oder in seltenen Fällen auch nach Europa geschickt. Danach gibt es einen gut dotierten Job, denn Arbeitskräfte mit guter Bildung sind rar in Südamerika. Auf diese Art wächst ein Großteil der südamerikanischen Politiker und Unternehmer auf, die Entscheider der Region: abgeschottet, in einer irrealen Luxuswelt mit erstklassiger Infrastruktur. Sie machen die oberen zehn Prozent auf der Einkommensskala aus und verdienen 19-mal so viel wie die untersten 40 Prozent. Sie beanspruchen durchschnittlich 36 Prozent des Gesamteinkommens für sich, zahlen aber weniger als zehn Prozent ihres Einkommens an Steuern. Steuerhinterziehung ist selbstverständliche Gewohnheit der Wohlhabenden in Lateinamerika.

Mit der Realität der Bevölkerungsmehrheit kommen die Privilegierten der Region in Form des Hausmädchens, der „Mucama“ in Kontakt. In Südamerika gibt es keine bessere Wohnung oder kein Haus, in denen der Architekt nicht irgendwo ein winziges, etwa zwei mal drei Meter großes Kämmerchen extra für das Hausmädchen vorgesehen hat, die bei der Familie lebt, putzt und die Kinder versorgt. Arbeiten die Frauen der Unterschicht als Putzfrauen oder Hausmädchen, so schlagen sich die Männer als ungelernte Arbeiter durch.

Gemeinsam ist ihnen allen, dass ihre Einkommen nur ein Bruchteil dessen ihrer Vorgesetzten ausmachen, oftmals unterhalb des offiziellen Mindestlohns liegen und kaum zum Leben reichen. Der Lohn einer Mucama bewegt sich je nach Großmut des „Patrons“, wie der Arbeitgeber in alter Feudaltradition genannt wird, zwischen umgerechnet 100 und 200 Euro. Zum Vergleich: Laut dem argentinischen Statistikinstitut braucht eine junge Familie mit zwei kleinen Kindern ein Mindesteinkommen von 217 Euro, um nicht unter die Armutsgrenze zu fallen.

Immer wieder fragen sich Menschen außerhalb Lateinamerikas, warum der Kontinent nicht eine vergleichbare Entwicklungsdynamik wie in Ostasien oder Teilen von Osteuropa hinbekommt. Die Antwort: Dies ist in Südamerika unmöglich, solange die riesige Unterschicht keinen Zugang zu guter Bildung und Gesundheitsversorgung bekommt. Damit würde das Wachstumspotenzial größer, der Absatzmarkt breiter und attraktiver, die Politik stabiler. Theoretisch ist das allen klar. Doch bis zur praktischen Umsetzung muss nicht nur die Oberschicht, sondern auch die politische Linke der Region noch viel lernen.

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