Südkorea
Verschuldet in die Prüfungshölle

In Südkorea tun Eltern alles für die Bildung ihrer Kinder und geben ein Vermögen für Studiengebühren aus. Eigentlich eine gute Sache: Nur weil Lernen traditionell hoch geschätzt wird ist es Südkorea nach Experteneinschätzung möglich gewesen, vom Entwicklungsland auf EU-Niveau aufzusteigen. Die Sache hat allerdings einen Haken.

TOKIO. Eines war klar: Der Junge muss auf eine gute Uni, auch wenn es mit dem Geld schwer wird. Choi Jae-Youngs Eltern hatten bereits Schulden, doch sie schafften es, ihren Sohn bis durch die Oberschule zu bringen – fast zumindest. Für den Unterricht waren alle drei Monate Gebühren zu berappen, und so strengten sich alle gemeinsam an: Die Eltern arbeiteten in Nebenjobs und gönnten sich selbst nichts, der Sohn lernte buchstäblich den ganzen Tag und schlief nachts nur fünf Stunden. Dank eiserner Disziplin war er immer mindestens Zweitbester. „Wir Koreaner sind halt verrückt nach Bildung“, sagt Jae-Young.

Doch kurz vor der Abschlussprüfung wussten die Eltern nicht mehr weiter. Um ihren Sohn zu entlasten, verschwanden sie mit ihrem Geldproblem aus der Heimatstadt Daegu. „Ich war frustriert und traurig“, sagt Choi Jae-Young, der bei einem Freund unterkam. Ein Lehrer bezahlte die Schulgebühren für das letzte Quartal, weil er überzeugt war, dass der Junge eine große Zukunft vor sich hat. Tatsächlich schaffte er die Aufnahmeprüfung für die renommierte Seoul National University (SNU) mit Bravour. Für die Studiengebühren legten zunächst der großzügige Lehrer und ehemalige Absolventen zusammen, später gab es ein Stipendium.

So wie Choi Jae-Young opfert ein Großteil der Koreaner ihre Teenagerzeit den Aufnahmeprüfungen. Die Eltern wiederum geben ein Vermögen für Studiengebühren aus. Umgerechnet knapp 30 Mrd. Euro zahlen sie jährlich für private Bildung. Eigentlich eine gute Sache: Nur weil Lernen traditionell hoch geschätzt wird, sei es Südkorea möglich gewesen, vom Entwicklungsland auf EU-Niveau aufzusteigen, sagen Experten. „Weil die Eltern ihren Kindern auch in der schlechten Zeit direkt nach dem Koreakrieg eine gute Schulbildung ermöglichten, stand bei der Industrialisierung in den 60er-Jahren eine große Reserve hochqualifizierter Arbeitnehmer bereit“, sagt Wirtschaftsprofessor Lee Joon-Koo. Derzeit haben sechs von 1 000 Koreanern einen Master- oder Doktortitel – unter 1 000 Europäern sind es je nach Land nur drei bis vier.

Vom ungebrochenen Engagement der Eltern profitiert auch die Qualität der Bildung. In der internationalen Bewertung hat sich die SNU seit ihrer Gründung vor 60 Jahren stetig nach oben gearbeitet. Sie gilt heute als eine der Top-Unis weltweit.

Doch nun macht die Fixierung auf eine gute Ausbildung der Regierung zunehmend Sorgen: Viele Eltern sparen nicht fürs Alter, weil sie alles in Schulgebühren investieren. Rund 40 Prozent des verfügbaren Einkommens fleißen in Bildung, rechnet das Erziehungsministerium vor. Ein Viertel aller Eltern arbeitet nach Feierabend im Zweitjob.

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