Südkoreas Notenbankchef
„Die hohe Volatilität bereitet uns Sorgen”

Südkoreas Notenbankpräsident Choongsoo Kim ist besorgt über die negativen Effekte der lockeren Geldpolitik des Westens. Er warnt: Besonders den Entwicklungsländern könnte sie zum Verhängnis werden.
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SeoulHinweis: Das Interview wurde bereits in einer in der Print-Version des Handelsblatt veröffentlicht. Bedauerlicherweise kam es dabei zu einem Übermittlungsfehler, sodass eine vorläufige, nicht mit der koreanischen Zentralbank abgestimmte Version des Textes abgedruckt wurde, die nicht in allen Punkten mit den Aussagen des Zentralbankgouverneurs übereinstimmen. In dem Stück heißt es unter anderem, dass der südkoreanische Notenbankchef eine Diskussion aus den Ausstiegsszenarien aus der lockeren Geldpolitik fordert. Tatsächlich hat Choongsoo Kim die Vermutung geäußert, dass ein Ende der derzeitigen Geldpolitik mittelfristig nicht in Sicht ist und eine Diskussion über die Ausstiegsszenarien noch verfrüht wäre. Wir möchten uns bei unseren Lesern für diesen Fehler entschuldigen.

Herr Kim, glauben Sie noch an eine Zukunft des Euro?

Natürlich, ich habe weiterhin großes Vertrauen in Europas Volkswirtschaften. Schließlich haben wir unsere Hilfen für den Internationalen Währungsfonds (IWF), die auch in den Europäischen Rettungsschirm EFSF fließen, gerade erst um weitere 15 Milliarden Dollar aufgestockt.

Hätten Sie trotzdem ein Rezept für einen gesünderen stabileren Euro?

Es müsste eine Art Gemeinschaftsprogramm geben, damit nicht einige Volkswirtschaften von der gemeinsamen Währung profitieren, während andere darunter leiden.

Sind die Turbulenzen in der Euro-Zone auch ein Grund dafür, dass Sie die Wachstumserwartungen für Korea 2012 auf 3,5 Prozent nach unten revidiert haben? Schließlich ist Europa einer Ihrer wichtigsten Handelspartner.

Wir haben die Erwartungen lediglich um 0,2 Prozentpunkte nach unten korrigiert. Auch der Internationale Währungsfonds (IWF) hat seine Prognose für zahlreiche Industriestaaten gesenkt, darauf mussten wir reagieren. Aber es ist nicht die Euro-Krise, es sind vor allem die steigenden Ölpreise, die zurzeit Koreas Wachstum und Preisstabilität bedrohen. Langfristig bleiben wir aber auf unserem Wachstumspfad, 0,2 Prozentpunkte sind nicht viel.

Gilt das auch im Falle eines Abschwungs in China? Korea verkauft rund ein Viertel seiner Waren nach China.

Natürlich haben Chinas Wachstumsschwankungen Auswirkungen auf unsere Wirtschaft. Allerdings werden Koreanische Waren in die ganze Welt exportiert, nicht nur nach China. Was das dortige Wachstum angeht, bin ich nicht allzu pessimistisch. Die Regierung in Peking hat 7,5 Prozent angepeilt und die wurden bisher immer übertroffen.

Sollten die Chinesen ihren Yuan schneller konvertibel machen?

Ich glaube, China wird seinen Kapitalmarkt schneller öffnen und liberalisieren, als viele im Westen erwarten.

Der Ölpreis ist im Zuge der gewaltigen Geldspritzen von Fed und EZB deutlich gestiegen. Wenn Rohstoffpreise für das Koreanische Wirtschaftswachstum derart wichtig sind, dürfte es Ihnen nicht gefallen, dass die westlichen Notenbanken derart viel Geld in die Märkte gepumpt haben.

Das ist in der Tat ein sehr schwieriges Thema. Es ist zwar noch zu früh für ein endgültiges Urteil, aber ich sehe deutlich Effekte zwischen der steigenden Geldmenge und den wachsenden Rohstoffpreisen. Natürlich sind die Staatsanleihenkäufe der Notenbanken und das billige EZB-Geld für die Banken nicht der einzige Grund für den Preisanstieg. Die zunehmende Liquidität wirkt sich negativ auf Koreas Wirtschaft und die anderer aufstrebender Länder aus.

Das europäische Krisenmanagement wird also auf Kosten der globalen Entwicklung betrieben?

Auch wenn meine Kollegen das nicht gerne hören werden: Offene Märkte wie Korea trifft diese Politik besonders hart. Ist wie im Moment viel Geld in den Märkten, fließt viel Kapital nach Korea. Andererseits wird das Geld sofort wieder abgezogen, wenn Europas Banken sich entschulden. Aufgrund dieses beidseitigen Risikos sind unsere Märkte einer höheren Volatilität ausgesetzt, die uns große Sorgen bereitet.

Das klingt, als hätten Sie sich von EZB-Präsident Mario Draghi eine umsichtigere Geldpolitik erhofft.

Es ist noch zu früh zu sagen, ob seine Maßnahmen die gewünschten Effekte tragen werden, ich denke aber, dass er die richtigen Entscheidungen getroffen hat. Ich schätze Herrn Draghi für seine Fachkenntnis.

Wird es gelingen, das zusätzliche Geld wieder rechtzeitig von den Märkten abzusaugen?

Das Geld wurde vornehmlich von der Fed und der EZB in den Markt gepumpt, für diese Institute kann ich nicht sprechen. Aber die Fed der USA hat schon deutlich gemacht, dass sie die Nullzinspolitik bis Ende 2014 nicht antasten wird, sich an der jetzigen Situation also zumindest mittelfristig nichts ändern wird. Noch ist es auch zu früh, Ausstiegsszenarien zu diskutieren.

Droht uns sonst eine globale Inflationswelle?

Die Gefahr besteht. Aber angesichts eines eher schwerfälligen Wachstums auf der Nachfrageseite ist das Risiko noch relativ gering. Erst wenn das Wachstum wieder flächendeckend einsetzt, werden wir mit derlei Problemen zu kämpfen haben.

Damit Schwellenländer nicht weiter unter der Geldpolitik der Industriestaaten leiden, fordern Sie ein internationales Komitee für geldpolitische Fragen. Wollen Sie die Vormachtstellung des Westens beenden?

Bei einer derartigen Institution geht es nicht darum, welcher Staat einen anderen dominiert, sondern einzig darum, mehr Informationen zu erhalten. Zurzeit weiß niemand genau, wie viel Geld sich genau in den Märkten befindet. Das kann gravierende Folgen haben, gerade für Länder mit einem derart offenen Kapitalmarkt wie Südkorea. Natürlich muss dabei die Unabhängigkeit der Zentralbanken gewährleistet bleiben.

Sie wollen also  mehr Mitspracherecht für Asien?

Kim: In den letzten fünf Jahren haben die asiatischen Staaten die Hälfte zum weltweiten Wirtschaftswachstum beigetragen...

...Wir sollten also mehr Rücksicht auf Asien nehmen anstatt Griechenland zu retten, schon aus eigenem Interesse?

Kim: Nein, das nicht. Es geht eher darum, die begrenzten Mittel besser einzusetzen. Wenn es nach den Opportunitätskosten geht, ist es sinnvoll, mehr in produktiven Regionen zu investieren. Dennoch muss natürlich auch ein Teil des Kapitals für die Rettung überschuldeter Staaten zur Verfügung stehen.

Herr Kim, wir danken Ihnen für das Interview.

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