S&P, Moody's, Fitch Studien belegen Willkür der Ratingagenturen

Sind die Ratingagenturen nur die Überbringer schlechter Nachrichten, oder tragen sie mit ihren teils harschen Entscheidungen zur Krise bei? Eine ganze Reihe renommierter Forscher fällt ein eindeutiges Urteil.
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Das Firmenlogo der Ratingagentur Moody's in New York. Quelle: dapd

Das Firmenlogo der Ratingagentur Moody's in New York.

(Foto: dapd)

LondonEs klang fast schon flehentlich, was Olivier Blanchard, Chefvolkswirt des Internationalen Währungsfonds (IWF) jüngst zur Euro-Krise sagte. Problemstaaten wie Spanien, Italien und Portugal würden bei ihren Spar- und Reformprogrammen gute Fortschritte machen. Nur nehme das auf den Finanzmärkten niemand zur Kenntnis. Würde es nur nach den ökonomischen Fundamentaldaten gehen, müssten die Risikoaufschläge für spanische und italienische Anleihen mindestens zwei Prozentpunkte niedriger liegen.

Wissenschaftler haben zumindest die Verantwortlichen für die Panik auf den Finanzmärkten ausgemacht: die Ratingagenturen. Zwei Ökonomen der Universität St. Gallen sind davon überzeugt. Standard & Poor's, Moody's und Fitch seien weit mehr als nur die Überbringer schlechter Nachrichten. Sie hätten mit überzogenen Urteilen das Vertrauen der Investoren zerstört und eine sich selbst verstärkende Abwärtsspirale losgetreten. „Die Herabstufungen vieler europäischer Länder zwischen 2008 und 2011 waren willkürlich“, sind die Forscher Manfred Gärtner und Björn Griesbach überzeugt.

Für die Wirtschaftspolitik leiten die Wissenschaftler eine klare Handlungsanweisung ab: Die Regierungen sollten die Arbeit von Ratingagenturen und mögliche Interessenskonflikte genauer unter die Lupe nehmen. „Das ist lange überfällig“, heißt es in der Studie.

Eine Reihe von Ökonomen stellt die Arbeit der Ratingagenturen inzwischen massiv in Frage. So kommen Jens Hilscher (Brandeis University) und Mungo Wilson (University of Oxford) zu dem Schluss, dass Ratings über die tatsächlichen Kreditausfallrisiken kaum etwas aussagen. Wer öffentlich zugängliche Daten auswerte, bekomme ein deutlich besseres Bild.

Andere Studien zeigen, dass Ratingagenturen wichtigen Auftraggebern nach dem Mund reden. Bei strukturierten Finanzprodukten stellen Ratingagenturen oft Gefälligkeitsgutachten aus, wiesen Jie He (University of Georgia), Philip Strahan und Jun Qian (beide Boston College) nach.

Ein Forschertrio um Jess Cornaggia von der Kelley School of Business der Indiana University bestätigt diesen Befund. Bei der Analyse der Euro-Krise kommen Cornaggia und seine Ko-Autoren zu einem besonders brisanten Ergebnis: Die Staaten, die das Epizentrum der Schuldenkrise bilden, seien von den Ratingagenturen seit 2008 übermäßig hart behandelt werden.

Das stellen auch Gärtner und Griesbach fest: Im Vergleich zu den anderen Industrieländern würden die sogenannten PIGS-Staaten Portugal, Irland, Griechenland und Spanien 3,3 Ratingklassen („Notches“) zu stark herabgestuft worden.

Gemessen an den Fundamentaldaten und daran, wie andere Länder bewertet würden, wäre bei Spanien nur ein Downgrade um ein halbes Notch angemessen gewesen. Ähnlich sieht es bei Portugal aus: „Der Verlust einer halbe Klasse war gerechtfertigt. Das Land verlor tatsächlich aber 8 Klassen“, so die Forscher.

Ein Teufelskreis hat begonnen
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10 Kommentare zu "S&P, Moody's, Fitch: Studien belegen Willkür der Ratingagenturen"

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  • Die Willkür von Moody's wurde doch deutlich, als sie die Bundesländer Brandenburg, Berlin, NRW, Baden-Württemberg und Bayern herabstuften.

  • O-Ton Ratingbetrüger
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    "Ähnlich argumentierte ein Vertreter einer anderen Ratingagentur, die sich offiziell nicht äußern wollte. Die Agenturen hätten „stets unbequeme Wahrheiten aufgezeigt“ und seien daher zum öffentlichen Sündenbock geworden.
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    Ach-ne.

    Welche "unbequeme Wahrheiten" wurden denn bei der Benotung amerikanischer Ramschpapiere im Umfang von ein paar hundert Milliarden mit AAA aufgezeigt?

    Welche "unbequeme Wahrheiten" werden denn bei der Benotung der USA (Staatsschulden 103% BSP) mit AAA aufgezeigt?

    Welche "unbequeme Wahrheiten" werden denn bei der Benotung Großbritanniens (Staatsschulden 144,5% BSP) mit AAA aufgezeigt?

    Die amerikanischen Ratingagenturen sind kriminelle Vereinigungen.

    Daß peinliche an der Sache ist, daß es immer noch in Europa Banken gibt, die ihren Metzger selber bezahlen.

  • Ganz einfach - eine einzige Frage schafft die notwendige Durchsicht bei den Ratingagenturen und deren Aktivitäten: Cui bono?

    Die Antwort ist trivial.

    Nebenbei gesprochen sitzen in den Ratingagenturen an den Schaltstellen die gleichen Deppen wie in Investmentabteilungen und Fondsgesellschaften - auf Egoismus gedrillte Bilanzpaviane aus Harvard und Co.

    Wer glaubt (immer noch) an Märchen?

  • Die Rating-Agenturen haben viel, viel zu spät auf die Probleme im Euro-Raum in der Vergangenheit reagiert. Jetzt steckt der Karren im Dreck (Griechenland, Italien, Spanien und demnächst auch Frankreich etc. ) und die Herabstufungen bringen uns zu so später Zeit (bzw. im Nachhinein) auch nicht mehr weiter.

    Europäische Rating-Agenturen können nur noch das Desaster im Euro-Land bestätigen, somit würden die Probleme nur noch verstärkt dargestellt. Lieber keine Europäische Rating-Agentur, sonst müssten wir der Wahrheit ins Auge zu sehen.

  • @Dermaddin ... wozu brauch man überhaupt einen Gegenspieler? Die Idee eines Investments ist doch gerade dass man sich selber seine Gedanken macht. Ratingagenturen sind, ähnlich wie Strategieberatungen, vollkommen überflüssig denn sie machen nur den Job den eigentlich der machen sollte der sie beauftragt.

  • Dann muß man die Damen und Herren in Europa eben in die Pflicht nehmen und darauf festnageln.
    Die vielen Pseudowissenschaftler in Sachen Volkswirtschaft und sozialer Marktwirtschaft wissen doch sonst auch alles, das wäre doch mal ein Arbeitsauftrag, statt sich selbst beweihräuchernde Weise dem eigenen Buchverkauf zu widmen. Die meisten werden ebenfalls von Steuergeldern und Studiengebühren bezahlt.

  • Die Idee einer europäischen Agentur als Gegengewicht zu den großen Drei gab es schon im Jahr 2000! Seitdem ist... nichts passiert. Ich befürchte so schnell werden wir keinen Gegenspieler sehen, der den Amis etwas nennenswertes entgegenzusetzen hat! Leider!!!

  • US-Ratings haben in Europa soviel verloren wie der Dollar als Währung. Auch wenn mangelns eigener Bewertungssysteme nichts anderes vorhanden ist, dann muß es eben geschaffen werden. Es hätte gleich, ohne wenn und aber, mit dem Euro selbst und der EZB geschaffen werden müssen.
    Und soll, wenn ich mich recht erinnere, mit dem ESM geschaffen werden. Falls nicht, wäre das eine politische Aufgabe, die ebenfalls schnellstens zu lösen ist. Am Geld kanns ja wohl nicht scheitern. Das wird ja den Dollar-Ratings jetzt auch gezahlt.

  • Die Ratingagenturen sind doch längst überführt!!
    Sitzen in Amiland, arbeiten intensiv mit dem bitischen Finanzplatz zusammen... damit ist alles gesagt.

  • Wie immer sollte man hier die Frage "Qui Bono" stellen. Wo sind denn die Rating Agenturen beheimatet?

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