Syrien
Assad-Anhänger bewerfen US-Botschafter mit Tomaten und Steinen

Ein aufgebrachter Mob hat in Damaskus das Auto des US-Botschafters mit Steinen und Tomaten angegriffen. Der Diplomat blieb unverletzt - die Beziehungen beider Staaten verschlechtern sich dagegen weiter.
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Damaskus/New YorkIn Syrien haben Anhänger des umstrittenen Präsidenten Baschar al-Assad erneut einen westlichen Diplomaten angegriffen.

Nachdem sich US-Botschafter Robert Ford am Donnerstag in Damaskus mit einem Oppositionspolitiker getroffen hatte, wurde sein Wagen von einem aufgebrachten Mob mit Eiern und Steinen attackiert. Ähnliches war bereits dem französischen Gesandten passiert.

Während aus der syrischen Provinz wieder blutige Kämpfe gemeldet wurden, zeichnete sich im Sicherheitsrat eine mögliche Einigung auf eine Syrien-Resolution ab. Konkrete Sanktionen gegen das Assad-Regime sind allerdings vom Tisch.

Mehr als 100 Menschen versammelten sich nach Augenzeugenberichten in Damaskus vor dem Gebäude, in dem sich US-Botschafter Ford mit dem Oppositionellen Hassan Abdul Azim traf. Wie Azim der Nachrichtenagentur dpa sagte, hätten die Protestierenden gegen die Eingangstür des Gebäudes getrommelt und antiamerikanische Slogans gerufen. Später seien Angehörige der Sicherheitskräfte gekommen, um sie zu vertreiben.

Die Assad-Anhänger forderten, dass der US-Botschafter Syrien verlassen müsse. „Das Volk will die Ausweisung des Botschafters“, skandierten sie, als Ford mit einer Begleiterin in einen Wagen stieg. Als das Auto losfuhr, flogen Steinen und Tomaten. Aus der Botschaft hieß es anschließend, Ford sei unverletzt.

Das Weiße Haus verurteilte den Angriff als unvertretbar und ungerechtfertigt. „Das ist klar ein Teil einer andauernden Kampagne zur Einschüchterung und Bedrohung von Diplomaten, die versuchen, Zeugnis von der Brutalität des Assad-Regimes abzulegen“, sagte Sprecher Jay Carney. Er betonte zugleich, dass es keine Pläne gebe, den Botschafter aus Sicherheitsgründen aus Damaskus abzuziehen. Am Samstag war bereits der französische Botschafter Eric Chevalier in Damaskus Opfer einer Eierwurf-Attacke von Regimetreuen geworden, wobei nicht ganz klar war, ob die Sicherheitskräfte den „spontanen Angriff“ nicht selbst orchestriert hatten. Chevalier und Ford hatten in den vergangenen Monaten mehrfach die Gewalt des Regimes gegen Demonstranten kritisiert.

Unterdessen berichteten Aktivisten, Regierungstruppen und Milizionäre hätten in der Ortschaft Al-Rastan 41 Zivilisten und einen desertierten Soldaten getötet. Sie erklärten außerdem, Angehörige der regimetreuen Schabiha-Miliz hätten Geschäfte in dem Ort geplündert. Die Angaben konnten wegen der Medienblockade der Regierung nicht überprüft werden. Aus Al-Rastan in der Provinz Homs waren bereits am Mittwoch Gefechte zwischen Regierungstruppen und Deserteuren gemeldet worden.

Die Gegner von Präsident Assad haben für diesen Freitag zu einer Demonstration unter dem Motto „Erhebt Euch, Bürger von Syrien, Al-Rastan wird abgeschlachtet“ aufgerufen. Fahnenflüchtige Soldaten und Einheiten der Armee sollen sich am Donnerstag auch in der Provinz Idlib heftige Gefechte geliefert haben. Aktivisten der Protestbewegung sprachen von 40 Verletzten. In der Stadt Homs sei eine 18 Jahre alte Frau erschossen worden.

Seit Beginn der Unruhen in Syrien im vergangenen März sollen bereits mehr als 3000 Menschen getötet worden sein. Zehntausende gelten als vermisst. Die Regierung ist bemüht, die Demonstranten als militante Islamisten darzustellen.

Der Erzbischof der syrisch-orthodoxen Kirche von Antiochien in Aleppo, Mor Gregorios Yohanna Ibrahim, sagte der Nachrichtenagentur dpa in einem Telefoninterview: „Wir haben keine Angst, dass Syrien ein islamischer Staat wird. Uns erfüllt jedoch eine generelle Sorge, was die Zukunft unseres Landes betrifft. Doch diese Sorge betrifft nicht eine bestimmte Seite.“

In New York wollten sich die Botschafter der 15 Mitglieder des Weltsicherheitsrates noch am Donnerstag mit einem Resolutionsentwurf Deutschlands und dreier weiterer EU-Länder gegen Syrien befassen. Sanktionen enthält das Papier auf Drängen Russlands jedoch nicht. Allerdings könnte ein Passus aufgenommen werden, der Sanktionen innerhalb eines Monats androht, wenn das Töten in Syrien nicht aufhört.

Ursprünglich hatten die Beratungen am Donnerstag nur auf Expertenebene stattfinden sollen. Dass sich die UN-Botschafter nun selbst an den Tisch setzen, könnte auf eine Einigung hindeuten. Dafür spricht auch, dass Russland seinen Gegenentwurf für eine Resolution zurückgezogen hat.

Der Preis für die Europäer: Die Resolution würde, wenn sie denn kommt, eher appellativen Charakter haben. Die einst geforderten Strafen wie Reiseverbote und Kontosperrungen für die Köpfe des Assad-Regimes stehen nicht mehr zur Diskussion.

Agentur
dpa 
dpa Deutsche Presse-Agentur GmbH / Nachrichtenagentur

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