Syrien
Chef der UN-Blauhelme spricht von Bürgerkrieg

Bei ihrem Einsatz in Syrien stoßen die UN-Blauhelme weiterhin auf Widerstände. Der Chef der Truppe sprach jetzt erstmals offen von einem Bürgerkrieg zwischen syrischer Führung und Regierungsgegnern.
  • 4

New YorkErstmals hat der Chef der UN-Blauhelmeinsätze, Hervé Ladsous, offen von einem Bürgerkrieg in Syrien gesprochen. Die syrische Führung habe große Teile des Landes und mehrere Städte an die Regierungsgegner verloren und versuche diese zurückzuerobern, sagte Ladsous am Dienstag in New York. Die Ortschaft Al-Haffe an der Grenze zur Türkei war von Regierungstruppen umstellt, UN-Beobachter kamen nicht durch.

UN-Untergeneralsekretär Herve Ladsous entgegnete am Dienstag (Ortszeit) in New York auf Fragen der Nachrichtenagentur Reuters, ob in Syrien Bürgerkrieg herrsche: „Ja, ich glaube, das kann man sagen“. Der Wortlaut seiner Äußerung wurde von den Vereinten zur allgemeinen Veröffentlichung freigegeben.

„Ich meine, dass das Ausmaß der Gewalt massiv zugenommen hat. So massiv, dass sich damit auch die Natur (der Kämpfe) verändert hat“, fuhr Ladsous fort. „Grund dafür ist, dass die syrische Regierung mehrere Städte und Teile des Landes an die Opposition verloren hatte und nun versucht, sie zurückzugewinnen.“ Den UN lägen bestätigte Berichte vor, nach denen das Regime nicht mehr nur mit Artillerie und Panzer gegen die eigene Bevölkerung vorgehe, sondern inzwischen auch mit Kampfhubschraubern.

Laut Ladsous wurde in der Nähe von Al-Haffe ein UN-Beobachter fast von einer Kugel getroffen. Laut einem anderen UN-Mitarbeiter, der nicht namentlich genannt werden wollte, umringte eine aufgebrachte Menge mit syrischen Fahren den Konvoi der UN-Beobachter, der in Richtung Al-Haffe unterwegs war. Das Fahrzeug mit den UN-Beobachtern sei von mindestens 20 Kugeln getroffen worden. Die UN-Mission zur Überwachung des Waffenstillstands in Syrien (UNMIS) erklärte, der Konvoi sei umgekehrt, nachdem er mit Steinen und Metallstangen beworfen worden sei.

Zuvor hatte die Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte mitgeteilt, Bewohner des Nachbardorfs Schir hätten sich auf die Straße gelegt und so die Weiterfahrt der UN-Fahrzeuge nach Al-Haffe in der nordwestlichen Provinz Latakia und verhindert. Die amtliche syrische Nachrichtenagentur Sana meldete, der UN-Konvoi habe Dorfbewohner umgefahren und drei von ihnen verletzt.

In der Agenturmeldung hieß es, die Dorfbewohner hätten versucht, den UN-Beobachtern von ihrem durch „bewaffnete terroristische Gruppen“ verursachten Leid zu berichten. Doch die UN-Beobachter hätten sie nicht angehört und sie mit einem ihrer Wagen angefahren.

Rebellenpositionen in Al-Haffe standen Bewohnern und Aktivisten zufolge unter Beschuss von Hubschraubern der Regierungstruppen, zudem sei die Stadt von Panzern umstellt. Laut Beobachtungsstelle wurden am Dienstag durch den Beschuss dutzende Menschen verletzt. Al-Haffe gilt wegen seiner Nähe zur Geburtsstadt von Präsident Baschar al-Assad, Kardaha, als strategisch wichtig.

Am Montag hatten sich die USA besorgt über die Lage in Al-Haffe gezeigt und die Furcht vor einem bevorstehenden Massaker durch die Regierungstruppen geäußert. Der Syrien-Sonderbeauftragte Kofi Annan sowie UN-Generalsekretär Ban Ki Moon verlangten, den UN-Beobachtern Zugang nach Al-Haffe zu gewähren.

Die UN-Beauftragte für Kinder in bewaffneten Konflikten, Radhika Coomaraswamy erklärte, Damaskus setze im Kampf gegen Aufständische Kinder als "menschliche Schutzschilde" ein. Sie habe "selten solche Brutalität gesehen", wie sie die syrische Armee Kindern antue, sagte Coomaraswamy.

Der Syrische Nationalrat, Hauptzusammenschluss der Regierungsgegner, rief dazu auf, am Mittwoch weltweit vor russischen diplomatischen Vertretungen zu demonstrieren, um gegen Russlands Unterstützung für Damaskus zu protestieren.

Al-Kaida ruft zum Kampf gegen Assad-Regime auf

Das Terrornetzwerk Al-Kaida hat zum Kampf gegen das Regime des syrischen Präsidenten Baschar Assad aufgerufen. Das geht aus einer Videobotschaft der Nummer zwei des Terrornetzwerks Al-Kaida, Abu Jahja al-Libi, hervor. Sie wurde am Dienstag veröffentlicht, nach Angaben auf einer Webseite islamistischer Extremisten aber bereits im November aufgezeichnet. Al-Libi wurde vergangene Woche bei einem US-Drohnenangriff in Pakistan getötet.

Wie die Beobachtergruppe SITE mitteilte, rief Al-Libi Araber und Syrer auf, sich von „Illusionen der Friedfertigkeit“ zu lösen und den bewaffneten Kampf aufzunehmen. Al-Kaida hat versucht, den arabischen Frühling für sich auszunutzen. Die Gewalt in Syrien ist ein populäres Thema auf Online-Foren der Dschihadisten.

Agentur
dpa 
dpa Deutsche Presse-Agentur GmbH / Nachrichtenagentur
Agentur
dapd 
DAPD Deutscher Auslands-Depeschendienst GmbH / Nachrichtenagentur

Kommentare zu " Syrien: Chef der UN-Blauhelme spricht von Bürgerkrieg"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

  • Und es scheint nicht opoprtun die sehr dubiose Rolle der Saudis bei der Unterstützung von AQ u.a. terroristischen Organisationen (evtl. sogar bei 9/11) näher zu beleuchten.

  • 3.06.2012, 05:06 Uhr Registriertes Mitglied KlausDieter
    ------------------------------------------------------------------------------
    Tja, das kann man NUR begreifen, wenn man Politiker ist!

    Wenn ich mich in meinem Leben so selten dämlich anstellen würde wie die deutschen Politiker, dann müsste ich vom Hochhaus springen, weil ich die Kosequenzen nicht ertragen könnte!
    Aber unsere Politiker machen immer weiter,
    egal was die für einen SCHWACHSINN die fabrizieren!

    Ich könnte nur gehirnamputiert so agieren wie die deutschen Politiker!

  • Nichts gelernt
    In Afghanistan wurden die Taliban von den USA, Pakistan und China (welch seltsame Allianz!) im Kampf gegen die Sowjetunion unterstützt. Im Ergebnis fielen die beiden Türme des World Trade Centres in New York.
    Nun unterstützen Saudi Arabien, Katar und erneut "der Westen" islamische Terroristen im Kampf gegen den säkularen Assad.
    Wie blöd muss man sein, um solchen Irrsinn zu betreiben?

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%