Syrien-Konflikt
Der Kampf ums nackte Überleben

Kein Strom, wenig Lebensmittel, kaum Medikamente: Für die Menschen in Aleppo wird die Lage unerträglich. Die Rufe nach Hilfe für die zwischen die Fronten geratenen Zivilisten in Syrien verhallen ungehört.
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BeirutJeden Morgen wirft Abu Tarik einen Blick auf seine langsam schwindenden Mehlbestände, nimmt sich einen Scheffel davon, knetet den Teig und backt sein Brot. Dann zieht er die fertigen Fladen aus dem Backofen, verteilt sie an ein Dutzend Familien, die noch in seiner Nachbarschaft verblieben sind, und an ein paar Kämpfer der Freien Syrischen Armee (FSA), der Streitmacht der Aufständischen gegen das Regime von Baschar al-Assad. In seiner Gasse im Stadtviertel Al-Schaar im umkämpften Aleppo nennen sie Abu Tarik den „Bäcker der Revolution“.

Seit fast drei Wochen ist Krieg in der nördlichen syrischen Metropole mit ihrer malerischen Altstadt und ihrer mittelalterlichen Zitadelle. Für die zivilen Bewohner bedeutet das den Zusammenbruch des gewohnten Lebens. Es gibt keinen Strom mehr, die Telefone funktionieren nicht. Lebensmittel, Kochgas und Arzneimittel sind kaum mehr irgendwo erhältlich. Der Granatbeschuss der Regimetruppen macht die Suche nach Lebensmitteln zum lebensgefährlichen Unterfangen.

„Es ist nichts mehr da in der Stadt“, sagt Abu Tarik. „Für die, die noch da sind, steht das Leben still.“ Der „Bäcker der Revolution“ backt weiter, so lange sein Mehlvorrat reicht. So lange werden die paar Familien in seiner Nachbarschaft überleben. Warum bleibt man überhaupt in so einer Lage? „Wir sehen, wie es denen geht, die geflohen sind“, sagt Abu Tarik. „Sie sitzen in Zelten und leiden. Deshalb entschieden wir uns, zu Hause zu leiden.“

Andere haben es noch schlechter getroffen als Abu Tariks Nachbarn. „Wir haben gar nichts mehr“, klagt Marwa, Mutter von vier Kindern im nordöstlichen Stadtteil Hananu. „Wir leben von Wasser und ein paar Fleischkonserven, die uns FSA-Soldaten vorbeigebracht haben.“ In der vergangenen Woche versuchte sie, Kochgas zu beschaffen. Ein Zylinder hätte 80 Dollar (65 Euro) gekostet - unbezahlbar für die Hausfrau. „Unser Schicksal hängt von Gottes Gnade ab“, meint Marwa.

Dramatisch verschlechtert hat sich die medizinische Versorgungslage. In den von der FSA kontrollierten Teilen der Stadt funktionieren nur improvisierte Lazarette. Engagierte Ärzte und Helfer gewährleisten ihren Betrieb unter enormem persönlichen Einsatz. Jeden Tag behandeln sie Dutzende verletzte FSA-Soldaten und Zivilisten - gerade die Granaten verursachen schreckliche, nur schwer heilende Verwundungen. Doch in den Notlazaretten gehen die Medikamente aus.

Das Rote Kreuz und der Syrische Rote Halbmond versorgen inzwischen Menschen in Aleppo mit Lebensmitteln, Hygieneartikeln und Wasser, wie aus einer Erklärung des Deutschen Roten Kreuzes (DRK) am Donnerstag hervorgeht. Doch die Zivilisten in den Kampfzonen erreichen die Helfer nicht, wie sie selbst einräumen. „Wir fordern die Konfliktparteien erneut dazu auf, humanitären Helfern in den Kampfgebieten freien und sicheren Zugang zu gewähren“, erklärte DRK-Präsident Rudolf Seiters in Berlin.

„Die Ärzte brauchen dringend Arzneien, Infusionen und anderen medizinischen Bedarf“, appelliert auch der Aktivist Bassam al-Halebi an die Weltöffentlichkeit. „Wie können sie den Bedürftigen helfen mit dem, was sie haben? Nur Gott weiß es.“

dpa 
dpa Deutsche Presse-Agentur GmbH / Nachrichtenagentur

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  • Also mal ehrlich:
    Keiner der Aufständischen wurde zum Krieg gezwungen.
    Man hat ihn aber gesucht, weil man vermutete, dass der "Große Bruder" USA und Konsorten es schon richten würden.
    Für solche Fanatiker und ihre selbstgemachten Katastrophen habe ich nur begrenzt Mitgefühl.
    Zumal sie sich als depperte Bauernopfer ür die Großmachtsgelüste der USA hergeben.

    Krieg ist Scheiße!
    Immer und Überall!
    Für Jeden.
    Spart euch also das Jammern.
    Das gilt für alle.

    Und Helden sind Dumme, die glauben etwas bewegt zu haben, und, schaut mal nach, zuallermeist Mausetot, so dass sie sich dieser vielleicht "üblen" Nachrede nicht erwehren können.

    Wir sollten uns aus diesem selbstgemachten Chaos heraus halten.

    Es gibt keine demokratische oder sonstige Legitimierung in Syrien einzugreifen.

    Wie die Mehrheiten wirklich sind, ist Kaffesatzleserei.

    Hegemonialgedanken sind es, die die Szene bestimmen.
    Alles andere ist Blödsinn.

    Und dafür opfere ich nich eintmal mein Kaffetrinken mit meinem Nachbarn heute abend im Garten.

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